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Dem traurigen Trend des Lärms trotzen

Carte Blanche zum Start der Online Zeitung Journal21, 10. September 2010

"Ich darf hier schreiben, was ich will, absolute Freiheit ist mir gewährt. Wie verlockend und verführerisch! Doch auch: Wie schwierig! Allein vor einem weissen Blatt, so ganz ohne Titel, so ganz ohne Erwartung der Herausgeber und der Leser.

Wie viel einfacher ist es doch, sich die Freiheit herauszunehmen, einen zugewiesenen Rahmen auszureizen oder zu sprengen, sich einen Freiraum zu erkämpfen. Was ist denn absolute Freiheit ohne jede Grenze? Ist sie nicht einfach Vakuum, ein Nichts, ein Abgrund ohne Inhalt? Wer Freiheit wahrnimmt, schafft immer einen neuen Inhalt, also auch neue Grenzen. Tut er das nicht, ist seine Freiheit ohne Substanz, ohne Bedeutung und ohne Verantwortung.

Spielen wir den Gedanken anhand der Medienfreiheit durch:

 

Die Medienfreiheit, früher Pressefreiheit, wird von unserer Verfassung ausdrücklich geschützt. Sie ist ein erkämpftes Recht der Aufklärung, nämlich das Recht, die Bürgerinnen und Bürger unabhängig von politischen und wirtschaftlichen Machtansprüchen so zu informieren und aufzuklären, dass sie sich eine fundierte Meinung bilden und ihre politischen Rechte in unserer direkten Demokratie wahrnehmen können. Die Medienfreiheit hat also einen Inhalt und bedeutet somit auch eine Pflicht.

Innere Aushöhlung der Medienfreiheit

Diese Freiheit wird jedoch zunehmend als eine wirtschaftliche verstanden, die sich an Einschaltquoten und Auflagen orientiert. Die Wirtschaftsfreiheit ist ebenfalls garantiert, doch bedeutet sie etwas völlig anderes, nämlich ohne staatliche Bevormundung Handel oder ein Gewerbe zu betreiben. Wird Journalismus auf diese Tätigkeit reduziert, bedarf es keiner Medienfreiheit mehr.

Diese innere Aushöhlung der Medienfreiheit hat sich parallel zur wirtschaftlichen Globalisierung nach dem Fall der Berliner Mauer entwickelt. Die Finanzkrise der letzten zwei Jahre ist ihrerseits Folge einer Wirtschaftsfreiheit, die ohne jede Verantwortung gegenüber ihrem ursprünglichen Sinn verstanden und missbraucht wurde, nämlich nur gerade in egoistischer Gewinnoptimierung und nicht als Säule einer Gesellschaft, deren Wirtschaft von mündigen Bürgern gelebt und nicht vom Staat diktiert wird.

"Reisserische, personalisierte Titel"

Die Finanzkrise beschleunigt ihrerseits die Entleerung journalistischer Verantwortung, denn sie hat einen gewaltigen Einbruch des Inseratevolumens zur Folge und somit einen massiven personellen Abbau in den Redaktionen. Umso wichtiger ist es, dass Journalistinnen und Journalisten um die Qualität ihrer Arbeit ringen und dem traurigen Trend des Lärms trotzen wollen. Gerade weil es nur noch wenige Medien gibt, die sich nicht primär an den quantitativen Kriterien ausrichten, wie sie die Inseratewirtschaft diktiert.

Die Reihenfolge der Artikel auf den Online-Portalen verändert sich ständig; was nicht angeklickt wird, verschwindet bald wieder. Und so buhlen die Artikel, wollen sie nicht einen schnellen Tod sterben, mit reisserischen, personalisierten Titeln um Aufmerksamkeit.

Verlorene Glaubwürdigkeit

Wenn die Freiheit der sonntäglichen Zuspitzungen als Erfolgskriterium nur gerade die erlangte Präsenz in anderen Medien, nicht aber den Wahrheitsgehalt kennt, wenn Meinungsfreiheit ohne jede Bemühung um einen gesicherten Sachverhalt auskommt, wenn eine journalistische Einschätzung zuallererst auf persönlichen Vorlieben und Abneigungen beruht, dann ist das ein Widerspruch in sich selber und eine Freiheit ohne Grenzen, die jede Glaubwürdigkeit bei den Lesern verliert und sich somit selber aushöhlt.

Journal21 nimmt einen Anlauf, Medienfreiheit mit Inhalten zu füllen. Alle Schreibenden haben eine Carte Blanche. Welchen Rahmen werden sie dem neuen Medium setzen? Davon, dass jeder einzelne Beitrag von Verantwortung getragen sein wird, dürfen wir angesichts der eindrücklichen Namensliste getrost ausgehen. Ob dies dem neuen Medium als solchem auch schon die notwendige Struktur gibt?

Begleiten wir diesen Mut zur Verantwortung, indem wir, denen uns die Medienfreiheit am Herzen liegt, nicht nur mit lesender Sympathie hoffen, sondern indem wir mitarbeiten und die Carte Blanche gestalten.