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Gegen die Lichtverschmutzung

Ein Lob den Zwischentönen in der Dämmerung

Zur Preisverleihung «Ritter der Nacht» durch Dark Sky
Zürich, 18. November 2016
Moritz Leuenberger

 

Die Eule der Minerva beginnt ihren Flug in der Dämmerung.

Sie weiss: Nur dort gedeihen die Weisheit und die Wahrheit. Denn die Wahrheit ergibt sich aus Differenziertheit und Zweifeln. Das grelle Licht jedoch lässt keine Zwischentöne zu.

Wir haben dem Dunkel Alles zu verdanken.

  •  Viele von uns wären ohne das Dunkel der Nacht gar nicht erst gezeugt worden.
  • Unsere Religion wurzelt in der stillen Heiligen Nacht. 
  • Ohne Dunkelheit kein Schlaf.  Ohne Schlaf keine Träume.
  •  Wunder sind immer in der Nacht geschehen
    (sonst hätte man ja gesehen, wie sie entstanden und dann wären es keine Wunder mehr).
  • Ohne Dunkelheit keine Wunder, ohne Wunder keine Heiligen.
  • Und das bedeutet: Auch keine Bundesräte. Als solcher wird niemand gewählt, ohne zuvor die Nacht der langen Messer überlebt zu haben.
  • Ein 1. August Feuer am helllichten Tag ist ein Widerspruch in sich selbst. Ohne Dunkelheit keine Vaterlandsliebe und kein Patriotismus. 
  • Die wichtigen Dinge der Welt schlummern im Dunkeln. Zum Beispiel: Warum beschloss der Bundesrat die Energiewende und ist jetzt gegen den Ausstieg aus der Atomenergie? Eine Wende in der Wende? Wende ohne Ende? Das bleibt im Dunkeln, wie so manches unter der Bundeshauskuppel.

Gleissendes Licht kann Terror sein:

  • Eine Gefängniszelle Tag und Nacht zu beleuchten, ist Folter und daher verboten.
  • Verboten sollten auch die Halogenattacken von Mountainbikes sein, welche die Spaziergänger und Jogger schlicht und einfach lähmen.
  • Theaterscheinwerfer verunmöglichen den Kontakt zwischen Akteur und Publikum.
  • Warum spielte Miles Davis mit dem Rücken zu Publikum?  Wegen des Scheinwerferlichtes. Später benutzte er eine Sonnenbrille.
  • Und der Mann ohne Schatten wurde krank.

Und trotzdem leben wir in Zeiten des Beleuchtungswahns, gefangen im Postkartenkitsch mit den knütschblauen Himmeln und leuchtend weissen Schneebergen. Wie bieder. Wie langweilig.

Wie abwechslungsreicher, wie spannender sind doch Landschaften im Wechsel des Lichts und des Schattens. Die chinesische Malkunst kennt die Dämmerung, die Nebel- und Wolkenlandschaften, als das eigentlich Zauberhafte und Schöne.

Stattdessen bei uns: Überall Halogenscheinwerfer.

Licht ist Lärm für das Auge, so wie eine populistische Trompete Terror für Ohr und Geist ist.

Und so sehnen sich die Menschen stets nach dem Sonnenuntergang. Google Earth: Die dort hineingesteckten Fotografien besehen in 78,4 % zu Sonnuntergängen (Sonnenuntergang hinter Capri, hinter dem Hauptbahnhof über den Gleisen, hinter dem Matterhorn, hinter Trubschachen oder hinter Miststöcken in Abläntschen). Die Menschen warten nur darauf, dass die Sonne untergeht und die Abenddämmerung hereinbricht.

Wieso lässt mit dem Alter die Sehschärfe nach? Damit wir die Runzeln unserer Partnerin nicht mehr sehen (und umgekehrt). Der liebe Gott weiss schon, was er tut. Und dann stellt der Teufel eine Halogenlampe dazwischen und leuchtet das Gegenüber so grell aus, dass die nackte Wahrheit erscheint und die Liebenden sich fremd werden. Wieso wird jede zweite Ehe geschieden? Zu viel Licht!

Wie romantisch könnte es sein, in der Dämmerung der Limmat entlang zum Bellevue zu spazieren. Doch Zürichs Brücken sind nach einem neueren Konzept überlichtet, überschminkt.

  • Wir sehen die Sterne nicht mehr. Wer die Städte permanent überbelichtet, ist unterbelichtet.
  • Mit dem Vorschlaghammer wird uns gezeigt: „Dort hat’s dann eine Brücke!“
  • Wir sind doch keine Mastgänse, denen man mit dem Trichter belehrend die Schönheiten ausleuchten und uns ins Unbewusste stopfen muss.
  • Das ist wie bei einem Kindergeburtstag. Das Kind erhält ein Geschenk, freut sich still, doch die Eltern brüllen, “Lueg e mal, wie schööön!“ Damit das Kind es auch wirklich merkt und dass der schenkende Götti auf seine Rechnung kommt. Lasst uns doch auch mal etwas selber entdecken, statt alles anzuleuchten.
  • Wer immer nur im grellen Licht sitzt, dem dämmert es nie.

Mein eindrücklichster Staatsbesuch fand in Estland bei Präsident Lennart Meri statt. Er lud mich in sein Haus auf eine Insel an. Es gab ein Abendessen, das sich über Stunden dahinzog. Kein Licht wurde angezündet, ganz langsam wurde es dunkler und unsere Augen gewöhnten sich daran. Niemand hatte das Bedürfnis nach künstlichem Licht, nicht einmal nach einer Kerze. Die Gespräche erlaubten auch Pausen und längeres Nachdenken. Kein horror vacui, wie im Tagesgeschwätz unter medialen Scheinwerfern.

Was ich leider noch nie erlebte: Das Firmament ohne jedes künstlich Licht zu sehen. In Afrika sei das möglich: Der Himmel und die Sterne wölben sich wie ein grosses Zelt bis hinunter auf den Horizont. Es muss wunderbar sein. Vielleicht erlebe ich das noch einmal in meinem Leben. Zum Glück gibt es Leute, die kämpfen dafür.

Darum ist gut, dass heute der Preis gegen den Helligkeitswahn, gegen all den Schmutz des Lichts dieser Welt, vergeben wird. 

„Und der Preisträger heisst....“

Nein, das lassen wir noch etwas im Dunkeln, denn erst die Dämmerung bringt die Wahrheit. Die Eule der Minerva wird uns den Namen verraten. Und dann dämmert es uns.

ml