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Der Wienerkongress und Zürich

Festrede am Anlass des Zürcher Regierungsrates

Universität  Zürich

20. März 2015

Es freut mich, dass ich zum jüngsten Jubiläum dieses Jahres sprechen darf, und es freut mich, dass dieses nicht an eine Schlacht erinnert, sondern an einen politischen  Kompromiss. Der Andrang von Rednern zu Morgarten, Marignano und der Eroberung des Aargaus bleibt immer noch gross genug.

Heute Nachmittag haben fünf Historiker je aus ihrer Warte auf den Wiener Kongress zurückgeblickt. Selbst sie, professionell darin geschult, nicht subjektiv gefärbten Interpretationen zu erliegen, schilderten den Kongress und seine Auswirkungen auf unser Land in sehr verschiedenen Farben. Und auch alle Werke, die einem Laienhistoriker wie mir zumutbar sind, wie Wikipedia,  der Brockhaus, das Historische Lexikon der Schweiz oder Thomas Maissens Schweizer Gesichte, liefern recht verschiedenen Interpretationen und führen die Subjektivität jeder Geschichtsschreibung plastisch vor Augen. So lese ich auf Wikipedia und auch in einem Artikel de NZZ, die Zuteilung von Konstanz und dem Veltlin hätte die Eidgenossenschaft in Wien „nicht erreicht“, während ich zwei anderen Büchern entnehme, die Schweiz hätte dies wegen des konfessionellen Gleichgewichts gar nicht gewollt. Diese und weitere divergierende Schilderungen über die damaligen Vorgänge zeigen in erster Linie, wie gespalten die Eidgenossenschaft war und wie gespalten sie nach aussen aufgetreten ist.

Unangefochten bleibt einzig die dreibändige Geschichte des Kantons Zürich aus dem Jahr 1995: Auf den insgesamt 1'500 Seiten kommt das Wort Wiener Kongress nicht ein einziges Mal vor, auch auf keiner Zeittafel. Das Werk bleibt also bezüglich Wiener Kongress vollkommen neutral und objektiv.

So zurückhaltend kann ich mich heute nicht äussern. Ein Politiker vermag aus seiner politischen Überzeugung so wenig auszubrechen wie ein Kaninchen aus dem Lichtkegel eines Autoscheinwerfers. Da hilft nicht einmal Altersmilde, welche die Attribute „ehemalig“, „ex“ oder „alt“ erwarten lassen.

Objektivität ist aus dem Munde eines Politikers ist meist zum Scheitern verurteilt und so nutze ich auch dieses Jubiläum für Überlegungen zur Gegenwart und Zukunft, statt mich als Historiker zu versuchen.

(Wenn ich übrigens von Historikern immer wieder lese und höre, den Wiener Kongress müsse man sich nicht etwa wie eine heutige multinationale Konferenz vorstellen, denn dort habe es keine geordneten Plenarsitzungen gegeben, sondern alle hätten bloss nach allen Seiten antichambriert und man habe sich ständig zu gesellschaftlichen Anlässen getroffen, frage ich mich:

Wissen die Historiker wie es zum Beispiel an einer Klimakonferenz zu und hergeht? Dort finden wo hauptsächlich bilaterale Treffen, side events, spektakuläre Aktionen von NGOs und viele gemeinsame Ausflüge statt. Oft tagen die Grossen hinter verschlossenen Türen und die Kleinen warten gespannt auf das Resultat. Als ich dort teilnahm und auch wenn ich heute über Klimaverhandlungen lese, denke ich immer: „Früher war es besser: Der Wiener Kongress zum Beispiel ist immerhin zu einem Resultat gekommen.“)

I. Souveränität und Neutralität wurden und werden von der Schweiz als auch von anderen Mächten definiert.

Was wollte die Eidgenossenschaft damals in Wien? Zerstritten sei sie gewesen, das schätzen alle so ein. Vertrat der Kanton Zürich überhaupt eine Haltung oder stellte er mit Bürgermeister von Reinhard nur den Leiter der dreiköpfigen Delegation und vertraute ihm? Instruktionen wurden ihm jedenfalls nicht erteilt. Wollten alle die Neutralität? War das Verhältnis zwischen katholischen und protestantischen Kantonen für die eidgenössische Delegation ein Kriterium? Oder ging es nur um die Bestätigung neuer gemischtkonfessioneller Kantone?  Wer vertrat was? War das Verhältnis zwischen Französisch- und Deutschsprachigen überhaupt ein Thema? Kaum. Diese Aspekte erschienen erst später am staatspolitischen Horizont.

Fest steht, dass nach Auflösung der napoleonischen Herrschaft über den Kontinent sein helvetischer Vasallenstaat von der Auflösung bedroht war, dass die Konservativen wieder nach Untertanengebiete drängten und eine Restauration anstrebten.

Es fest ebenfalls steht, dass es nicht eidgenössische Solidarität  oder ein nationale Zusammengehörigkeitsgefühl war, was die Schweiz zusammenhielt, sondern die Kunst des Wienerkongresses, der die Schweiz als eine Pufferzone errichtete und zwar „im Interesse ganz Europas“.

Wir wissen auch, dass die Eigenständigkeit schon vor dem Wiener Kongress nicht bestand:

Trotz 1813 proklamierter Neutralität konnte diese nicht durchgesetzt werden und es marschierten an Weihnachten 1813 hunderttausend österreichische Soldaten durch die Schweiz.

Auch steht fest: Am Kongress selber konnte sie ihr Schicksal nicht selber bestimmen. Natürlich hatte sie einen Einfluss, aber die wesentlichen Entscheide trafen andere. “.Die acht Mächte haben entschieden, zwar nachdem sie schweizerische Delegationen anhörten, aber der eigentliche Entscheid lag bei ihnen.

Es waren russische und englische Diplomaten, die sich für unsere Eigenständigkeit und Neutralität einsetzten, auch Österreich und Frankreich, die zwischen sich einen Puffer wollten. Der Puffer sind wir.

Allein das relativiert den Begriff „Eigenständigkeit“.

Die Schweiz besitzt seit dem Kongress ein völkerrechtlich klar abgegrenztes Staatsgebiet. Ausser dem Kanton Jura bestehen noch heute die gleichen Kantone. Unsere Neutralität ist seit daher garantiert und sie ist noch heute Grundlage unserer Aussenpolitik. Aber sie ist immer wieder neu interpretiert worden und zwar sowohl durch unser Land als auch durch unsere Nachbarn.

Die Neutralität lag in erster Linie im Interesse der grossen Mächte. Es war denn auch kein Eidgenosse der alten Orte, der sich vor allem für sie einsetzte, sondern ein Vertreter der Republik Genf, Charles Pictet de Rochemont. Das Genfer Motiv war, unter keinen Umständen in Frankreich integriert zu werden.

Eigenständigkeit und Neutralität, wie sie am Wiener Kongress besiegelt wurden,  entwickelten sich bald zu Mythen. Wir schrieben sie uns als eigene Errungenschaften zu, man hielt sie sogar für gottgegeben - einige tun das noch heute. In Wirklichkeit sind aber diese Identifikationsmerkmale unseres Staates immer auch fremdbestimmt worden und zwar nicht unwesentlich.

Auch nach dem Wiener Kongress wünschten sich unsere Nachbarn, dass wir neutral blieben. Dieses Interesse bewahrte unsere Eigenständigkeit nach Napoleon (er selber war daran nicht interessiert).

So wurde die schweizerische Neutralität bei der Gründung des Völkerbundes von aussen neu definiert: Angesichts der Idee des Völkerbundes als einer Organisation, welche die Weltsicherheit garantieren sollte, wollte die Schweiz nicht neutral abseits stehen. Deswegen wurde eine so genannte „differenzielle“ Neutralität erarbeitet und diplomatisch abgesichert. Die Schweiz musste sich nicht an Militäraktionen, aber an Wirtschaftsaktionen gegen andere Staaten beteiligen (wenn diese die Satzungen des Völkerbundes verletzen). Dank dieser Differenzierung stimmten dann 1920 eine knappe Mehrheit von Volk und Ständen dem Beitritt zum Völkerbund zu.

(Dann aber setzte die Schweiz die Sanktionen gegen Italien dennoch nicht um, als Italien 1935/36 Abessinien angriff und 1938 und huldigte wieder der integralen Neutralität.)

Während der beiden Weltkriege festigte sich die allgemeine Ansicht, dass unser Land vom Schicksal auserwählt sei. Die beiden Achsenmächte überlebt zu haben, bestärkte uns in der Überzeugung, dass wir auf uns selber gestellt seien und nur uns selber vertrauen können. „Immer sind wir in Europa ein Sonderfall geblieben“, dachte man in der Schweiz und das nährte eine abwehrende Grundhaltung gegenüber Europa, längst bevor die EU erschaffen wurde.

Heute werden die Wurzeln der euroskeptischen Grundhaltung schon früher geortet: Die NZZ wirbt für ein neues Magazin mit dem Titel: „Warum wir wegen Marignano nicht mit Euros bezahlen.“

Vor hundert Jahren, auch dies ein Jubiläum, musste Carl Spitteler der Schweizer den Grundsatz der Neutralität in Erinnerung rufen und vor einer unkritischen Solidarität mit Deutschland warnen. Er begründete dies mit dem inneren Zusammenhalt unseres Landes. Er hatte Recht; wäre die Schweiz den deutschfreundlichen Offizieren gefolgt, gäbe es die Schweiz heute wohl nicht mehr.

 Das war gleichzeitig auch eine etwas andere Interpretation unserer Neutralität, denn diese wurde beim Wiener Kongress weniger deswegen

geschaffen, damit der Friede innerhalb der Grenzen der Schweiz gewahrt bleibe.

Der erfolgreiche Aufruf Spittelers und die befolgte Neutralitätspolitik des Bundesrates trugen also zur Schweizerischen Eigenständigkeit bei.

Sie trug dazu bei, war aber nicht die alleinige Ursache. Wir verdrängen gerne: Die Alliierten befreiten im 2. Weltkrieg auch unser Land von Nazideutschland. Nachher im kalten Krieg profitierten wir von der militärischen Potenz der USA gegenüber der UdSSR. Die NATO, der wir nie angehörten, ermöglichte uns eine freie Entfaltung unserer Demokratie. Heute ist die EU als Friedensorganisation um uns ein Garant, das uns Kriege nicht direkt bedrohen.

Unsere Neutralität wurde gebraucht und in Anspruch genommen. An den so genannten Guten Diensten unseres Landes hatten auch andere Staaten ein Interesse und sie unterstützen sie deshalb. Im zweiten Weltkrieg betreute die Schweiz immerhin etwa 200 Einzelmandate und auch im kalten Krieg gab es einige solche Aufträge, bis dann die supranationalen Organisationen diese Dienste überflüssig machten. 

Immer blieb die Auffassung, worin denn unsere Neutralität bestehe, in Bewegung und immer blieb sie auch fremdbestimmt. 

Ich erinnere mich an den Spagat des Bundesrates bei den Überflugrechten für amerikanische Flieger im zweiten Irakkrieg, der von der UNO nicht sanktioniert war: Dem Grundsatz der Neutralität wurde die moralische Berechtigung des von George W Bush angezettelten Krieges gegenübergestellt und diese zwei Haltungen innerhalb des Bundesrates  kommen in der Erklärung vor dem Parlament deutlich zum Ausdruck.

Seit den Boykotten gegen Südafrika galt: Die Schweiz beteiligt sich nicht an Sanktionen, weil sie neutral ist. Sie weitet ihre Geschäftstätigkeit aber auch nicht aus, um die Sanktionen nicht zu unterwandern. Denn das gehört ebenfalls zur Neutralität: Massnahmen einer Konfliktpartei nicht zu umgehen.

Bei den EU Sanktionen gegenüber Russland wegen des Konfliktes um die Krim und die Ostukraine übernahm nun aber der Bundesrat Sanktionselemente der EU, obwohl das die Neutralität verbieten würde. Es erhoben sich keinerlei Proteste, auch von der Wirtschaft nicht, weil diese ihrerseits derart mit der EU vernetzt ist, dass sie um die dortigen Märkte bangt und sich lieber in voraus eilendem Gehorsam anpasst. 

So wird auch heute die Neutralität immer noch auch von aussen mitbestimmt.

Wir sind zudem so wenig wie irgendein anderes Land auf Erden autonom oder autark. Das Schicksal des in der Seele des Volkes verankerten Bankgeheimnisses und die Steuergesetze für Holdings beweisen es.

Das ist auch gut so:

Die real existierende Arbeitsteilung um die ganze Welt herum macht auch uns wohlhabend. Das bedeutet, dass wir diesen Wohlstand  teilen müssen, zum Beispiel mit Solidaritätsleistungen, mit Steuerabkommen oder mit der Aufnahme von Flüchtlingen. Das tun wir ja auch, wenn auch regelmässig von Protest umflort, der stets unsere Souveränität in Gefahr sieht. (Heute wurde an alle Haushalte der Schweiz ein mehrseitige Extrablatt verteilt mit Unterschriftenbögen für die Selbstbestimmunginitiative, weil wir praktisch nur noch von fremden Richtern regiert werden.)

Die globale Vernetzung erfordert, dass wir an der Lösung der Schwierigkeiten mitarbeiten, uns also in die Weltgemeinschaft einbringen. Die Schweiz ist Hauptsitz einiger der grössten Rohstoffproduzenten und –händler. Sie trägt eine besondere Verantwortung dafür, was in Minen und auf Plantagen geschieht.

Die grossen politischen Fragen sind global und ihre Lösungen können nur global und nicht nur bilateral bewältigt werden. Und schon gar nicht im nationalen Alleingang:

Klimawandel, die Energiepolitik, Migration, Armut, staatliche Verschuldung, digitale Datenspionage, der Zusammenprall der Religionen, das sind alles Probleme der Welt. Sie können nicht im Alleingang gelöst werden.

II. Unveränderte Grenzen, veränderte Schweiz

Seit 200 Jahren blieben unsere Landes- und Kantonsgrenzen unverändert (ausser dem Jura) – ganz im Gegensatz zu allen anderen Ländern, die uns zur Zeit des WK umgaben.

So eindrücklich dieser Umstand anmuten mag, so relativ muss er heute eingeschätzt werden. Landesgrenzen dienten damals vorwiegend territorialen Ansprüchen bzw. deren Absicherung. Unsere Nachbarn, die EU, aber auch wir selber, denken heute in ganz anderen Kategorien. Die gegenseitige Zusammenarbeit zielt auf Friedenssicherung.

Schengen, die Personenfreizügigkeit, die heutigen Grenzen, an denen keine Zölle und keine systematischen Polizeikontrollen mehr stattfinden, nehmen den Landesgrenzen ihre Bedeutung, die sie vor 200 Jahren noch hatten.

Es sind für unser Land nicht mehr die Landesgrenzen, die unsere Identität bestimmen, sondern ganz andere, sowohl innere als auch äussere Entwicklungen seit den Auseinandersetzungen zwischen der alten Eidgenossenschaft und der Schweiz, wie sie Napoleon formte.

Die Wunden und Narben dieser Spannungen zwischen alter und neuer Schweiz sind zwar immer noch gegenwärtig:

  • Ehemalige Untertanengebiete TI  verhalten sich ehrerbietig, fast untertänig gegenüber einem Bundessrat; andererseits wird mit Ressentiments gegen die Unterdrücker aus dem Norden von der Lega populistisch gespielt.
  • Die Republiken GE und NE bereiten eigentliche Staatsempfänge für Bundesräte mit Blaulicht und Sirenen, während in Bern oder Zürich umgekehrt Birkenstockdemokraten vor die schwarzen Staatslimousinen treten.
  • Die jurassischen Nationalräte nannten den französischen Erziehungsminister, der aus Dole stammte, „unseren Erziehungsminister“.
  • Differenzen zwischen Stadt und Land schwelen immer noch über Parteigrenzen hinweg (habe ich noch RR erlebt) 
  • Noch in dieser Woche bekämpften sich mehrere Lager im Ständerat, die sich entweder auf den Bundesstaat oder auf Mythen und Heldentaten vor 500 und 700 Jahren beriefen, um ein „richtiges“ Bild der Schweiz zu zeichnen. Das ging derart heftig zu, dass Bundesrat Berset zur Mässigung aufrufen musste und daran erinnerte, dass all diese Geschichten zu unserer gemeinsamen Geschichte gehören. 

Anderes aber ist überwunden: v.a. durch die Mobilität

  • Ausser zwischen dem Kanton Bern und dem Kanton Jura gibt es keine Diskussionen über Kantonsgrenzen.  Die Diskussion im Parlament über den Finanzausgleich von dieser Woche zeigt, dass es nicht um Grenzen, sondern um Finanzen geht, die das Verhältnis zwischen den Kantonen belasten; (da hat man sich gegenseitig ein Niveau des Geizes vorgeworfen).
  • Das gespannte Verhältnis zwischen den christlichen Konfessionen hat an Bedeutung verloren:
  • Bereits gab es zwei Katholische Stadtpräsidenten in der Zwinglistadt Zürich
  • Die Calvinrepublik Genf trat 1815 der Eidgenossenschaft als bikonfessioneller Kanton bei. Heute hat es keine Staatskirche mehr und ist mehrheitlich katholisch (auch wegen den Wallisern und den Portugiesen). Von den beiden letzten Bundesrätinnen, die Genf vertraten, war die eine Jüdin, die andere Katholikin (zeitweise mit muslimischem Kopftuch, wenn sie im Iran um Erdgas bat).
  • Der Lötschbergtunnel erfuhr die Segnung eines katholischen Priesters. ER segnete die zwei Tunnelröhren und kein Bischoff protestierte (dabei ist nicht geklärt, welches intime Verhältnis diese beiden Röhren miteinander haben). 
  • Zwar keine Patrizier mehr, dafür neue Potentaten; wir sagen nicht Oligarchen, weil sich diese sehr Begüterten eben doch als Citoyens benehmen und sich auch als solche verantwortungsvoll einmischen.
  • Zunft- und merkantile Kantone sind zu globalen Handelszentren geworden.

Übergang zu :

III. Globalisierung

Die Rezeption anderer Kulturen, auch politischer Kulturen bedeutet heute die wichtigere Veränderung für ein Land, als die Verschiebung seiner Grenzen. Im globalen Kommunikationsraum wird diese Rezeption beschleunigt und potenziert:

Wir sprechen ganz selbstverständlich von Ministern statt von  Bundesräte, von Regierungskoalitionen statt von Kollegialsystem, von Opposition und Mehrheit statt von Willensnation, von Classe politique statt von Citoyens und Citoyennes

Die Stimmbürger in einer direkten Demokratie verhalten sich allmählich wie die in einer repräsentativen Demokratie, wo eine Abstimmung ein Plebiszit darstellt. Wutbürger ersetzen die Stimmbürger, Meinungsumfragen ersetzen die Bürger an der Urne. Die Mentalitäten der Nationen gleichen sich an.

Das  betrifft sogar die Moral.

Argumente der NEK bei Prä Implatations Diagnostik PID: Kann ein Embryo im Reagenzglas wegen eines Geburtsfehlers entfernt werden? Ja, weil: die anderen machen es auch. Das alles führt zu Unterordnung unter eine globale Mehrheitsmoral. Ihr folgt später die Änderung des Rechts.

Wir verhandeln mit China, Singapur um Freihandelsabkommen. Die asiatischen Verhandlungspartner spalten die Wirtschaftsfreiheit ab von Freiheiten, die sie den Menschen im Inneren ihrer Grenzen nicht gewähren wollen. Wir übernehmen diese Abspaltung, obwohl die Eidgenossenschaft doch eigentlich andere Werte kennt:

Bei uns ist die Handelsfreiheit ein Teil eines Wertesystems, in welchem die individuelle Freiheit, die Meinungsäußerungs- und Versammlungsfreiheit neben und nicht unter der Wirtschaftsfreiheit stehen, wie, wir der Überzeugung waren, die  Wirtschaftsfreiheit könne nicht von individueller Freiheit getrennt werden.

Diese Rezeption der Einstellung zum Staat verändert unser Land  weit mehr, als wenn wir Grenzen verschieben würden.

IV. Zufällige Nebenfolgen des WK sind zu heutigen Identitätsmerkmalen der Schweiz geworden

Für das Selbstverständnis und das eigentlich Wesen der heutigen vier- und vielsprachigen, föderalistischen Schweiz sind die Anerkennung der sechs Kantone, die Napoleon geschaffen hatte, und die neuen Kantone Neuenburg, Wallis sowie der vergrösserte Kanton Genf entscheidend geworden.

Die Schweiz wurde 1815 nicht zuletzt dank dem Beitritt von Genf zu einem mehrsprachigen Land.

Sie widerlegen die These „eines Volkes“, „einer Sprache“ und „eines Staates“, wie sie heute noch in Ungarn vertreten wird.

Diese Wesensmerkmale waren aber nicht die Motivation der Verhandlungen in Wien und von daher eher ein „Zufallsprodukt“ (heute Nachmittag nannte Paul Widmer gar den Wiener Kongress selbst ein „Zufallsprodukt“). Diese Neukonstellation führte zu einem eigenen inneren Verhältnis zwischen den Kulturen und Konfessionen. Wir nennen es Gleichgewicht, obwohl es keineswegs gleiche Gewichte sind. Das ist das, was  die „Willensnation“ ausmacht. Wir vermochten eine eigene Staatsidee zu entwerfen, die auch in der EU immer wieder als Vorbild gesehen wird.

V.  Und der Kanton Zürich?

Welche Haltung nahm eigentlich Zürich in Wien ein? Er schickte keinen einzigen Delegierten nach Wien. Er begnügte sich mit Hans von Reinhard, der die eidgenössische Delegation leitete. Der Kanton Zürich verzichtete auch darauf, ihn formell zu instruieren. Sicher spielte von Reinhard eine Rolle. Doch sind die Mäkeleien nicht zu überlesen:

Er sei eher ein Verwalter und kein Staatsmann gewesen, so das historische Lexikon der Schweiz. Auch sonst gibt es eher hämische Kommentare: Er sei seiner Aufgabe nicht gewachsen gewesen und überhaupt ein Zauderer und Zögerer.

Auf jeden Fall stellte sich Zürich als führender der 13 alten Stände für die neuen Kantone ein und suchte nicht die Restauration. Er setzte sich zudem für die Aufnahme von Genf und Neuchâtel ein, weil sie protestantisch waren. Von Reinhard hat diese Haltung vertreten. Er habe sich vehement gegen das Veltlin als einen neuen Kanton gewehrt, damit die Katholiken nicht noch eine zusätzliche Stimme in der Tagsatzung erhielten. Er hat sich nicht für die Aufnahme von Konstanz eingesetzt, denn auch das war nicht im Interesse der Protestanten.

Im Übrigen ist vom Kanton Zürich nicht eben viel die Rede in Zusammenhang mit dem Kongress.

Das lässt sich aus Zürcher Sicht auch positiv lesen: Anders als andere Gebiete wie Bern hatte Zürich in Wien nicht viel zu verlieren und verlor auch nichts. Vielleicht sogar im Gegenteil: Schaffhausen wurde nicht vergrössert und Konstanz nicht zur Schweiz geschlagen. Die Reformierten hatten Angst vor einem zusätzlichen, gewichtigen katholischen Ort im Osten. Wie hätte sich die Wirtschafts-, Verkehrs- und Hochschullandschaft der Deutschschweiz entwickelt, wenn Konstanz neben Basel und Genf die dritte grosse Schweizer Stadt und Hauptstadt des Thurgaus geworden wäre? Wäre Konstanz eine Gegenmacht geworden oder würde sich die Agglomeration Zürich bis nach Überlingen erstrecken?

Schon vor dem Wiener Kongress spielte Zürich eine zentrale Rolle in der Eidgenossenschaft.  Es war ein Vorortskanton oder „canton directeur“. Der mächtigste Kanton war zwar Bern, doch Zürich hatte keine Untertanengebiete, die es gerne zurückgehabt hätte, was ihm beim Wiener Kongress zustatten kam. So konnte Zürich seine Rolle behalten. Zürich wird in Art. 1 der Bundesverfassung an erster Stelle aller Kantone genannt (wie schon vor 1798). Noch heute sind die beiden Zürcher Sitze der Ständeräte in der Bundesversammlung zentral in der Mitte angeordnet.

Diese dominante Rolle innerhalb der Schweiz hat sich verstärkt. Zürich ist Wirtschaftszentrum, Bankenplatz, Flughafen und Sitz der meisten Medien. Bevölkerungsmässig (34 Nationalratssitze), hatte ausser kurze Zeit nach dem Rücktritt Kopp immer eine Vertretung im BR, hatte als erster Kanton zwei Bundesräten gleichzeitig (auch wenn sich diese durchaus unterschieden). Zürich wird in vielen Materien in eine eigentliche  Leadership gedrängt: Beim Strafvollzug (Konkordat), beim Erziehungswesen). Und Zürich glaubt, im Gegensatz zu allen anderen Kantonen in Bern keine Lobbyarbeit  über die Parteigrenzen hinweg nötig zu haben.

Wir wissen aber alle: Der Wiener Kongress hinterließ uns ein Verhältnis von Kulturen, Sprachen und Religionen, das wir zwar gerne als Gleichgewicht bezeichnen. In Wirklichkeit sind die Gewichte aber nicht ausgewogen verteilt, sprachlich und wirtschaftlich nicht. Im Vordergrund stehen wieder die Differenzen zwischen der ländlichen und der städtischen Schweiz. Neuerdings sind die Agglomerationen ein  politisches Gewicht, das als analysiert und diskutiert  wird.

Tatsächlich müssen die vielen Ungleichheiten stets wieder austariert werden, was nicht ohne Mühen und Murren geht.

Ich erlebte mangelnde Zürcher Sensibilitäten im RR.

Ich erhielt als neu gewählter BR eine goldene Schaufel als Geschenk des RR ZH, „mit der ich die Ausgleichszahlungen der Zürcher wieder zuzuschaufeln soll“. Das fanden die anderen Miteidgenossen am Fest nicht so wahnsinnig lustig. Zusammenkunft der Regierung Es empfingen uns die Waadtländer Regierungsräte mit ihren Gattinnen. Die Zürcher kamen ohne ihre Frauen und erklärten: „Unsere Frauen arbeiten.“ In der Romandie wird Werbeslogan: „Zurich – Downtown Switzerland“  als arrogant empfunden, weil er die restlichen Schweizer Regionen zu Vorstädten oder „Suburbs“ von Zürich degradiert.  „Züri – West“ als Name der  Berner Gruppe ist auch eine ironische Anklage an diese unschweizerische Hegemonie. Zwei Fussbalclubs aus Zürich in Nationalliga A, ein einziger aus der Romandie, Sion

Was beim Finanzausgleich noch halbwegs geschaffen werden kann, ist beim Sprachenproblem schon sehr viel schwieriger anzugehen. Die prozentuale Verteilung ist das eine Ungleichgewicht. Inhaltliche kulturelle Differenzen sind das schwierigeren. Verschiedene kulturelle Auffassungen darüber, was die Rolle des Staates ist, welche Stellung die Schweiz gegenüber Europa und der Welt hat, wie wir mit Einwanderern umgehen sollen, sind die wirkliche politische Herausforderung, um ein Gleichgewicht unseres Staatswesens zu finden.   

Die Diskussionen um Frühfranzösisch zeigen die Belastung des Verhältnisses.

Man muss einige Jahre in Bundesbern verbracht haben, um diese Tendenz zu fühlen. So wie die heutige RRPin, die diese Veranstaltung veranlasst hat und auch die neuen Kantone im zarten Alter von zweihundert Jahre eingeladen hat.

Inneres Gleichgewicht und bilaterales Zusammenwirken

Wir haben vor 200 Jahren eine Schweiz als Resultat verschiedenster Interessen innerhalb und ausserhalb der Eidgenossenschaft erhalten. Einige wünschten sich zwar noch heute das Veltlin dazu, andere Konstanz, aber wir haben das Land in seiner Vielfalt und mit seiner Regierungsform, die man bei jedem Besuch in einem Nachbarland stets wieder von Neuem erklären muss, lieben gelernt und wollen es mit all seinen Schwächen so gestalten, dass es im Inneren ausgeglichen und gegenüber der Welt seine globale Verantwortung wahr nehmen kann. 

Das können wir besser, wenn wir uns des Zusammenspiels mit unseren Nachbarn bewusst sind und es pflegen, so wie es vor 200 Jahren und in der Zeit bis heute spielte. Stattdessen wird heute eine direkte Linie zu den mittelalterlichen Schlachtfeldern vor 700 und 500 Jahren gezogen, um einen Kampf gegen alles Europäische zu legitimieren.

Die Hysterie, es drohe uns die totale Fremdbestimmung, ist vollkommen fehl am Platz. Ebenso wenig wollen wir uns einbilden, völlig autonom wirken zu können. Wenn wir die Augen vor der gegenseitigen Vernetzung und Abhängigkeit verschliessen, blenden wir uns. Sind wir uns aber der weltweiten kulturellen und sprachlichen Abhängigkeiten bewusst und nutzen sie mit bilateralen und multinationalen Bindungen, wahren wir unseren eigenen Weg selbständig und müssen nicht bloss nachvollziehen.

Die Leistung der Schweiz in den letzten 200 Jahren besteht darin, dass sie die politischen Realitäten, die der Wiener Kongress schuf, mit ihrer eigenen Tatkraft und im Zusammenspiel mit unseren Nachbarn weiter formte, so eine Willensnation schuf, die bis jetzt gut funktioniert hat und die auch weiterhin Potential hat, sich in eidgenössischen Geiste zu entwickeln.