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33. Deutscher evangelischer Kirchentag

Moritz Leuenberger, Dresden 4. Juni 2011

„Vom Schätzesammeln und Sorgen“:

Matthäus 6, 19-34

 

Sammelt Euch keine Reichtümer hier auf der Erde, wo Motten und Rost sie zerfressen und wo Diebe einbrechen und sie stehlen. Sammelt Euch stattdessen Reichtümer im Himmel, wo weder Motten noch Rost sie zerfressen und wo auch keine Diebe einbrechen und sie stehlen. Denn wo dein Reichtum ist, wird auch dein Herz sein.

 

Das Auge gibt dem Körper Licht. Ist dein Auge gut, dann ist auch der ganze Körper im Licht. Ist dein Auge jedoch schlecht, dann ist dein ganzer Körper im Finstern. Wenn nun das Licht in dir Finsternis ist, was für eine Finsternis wird das sein.

 

Ein Mensch kann nicht zwei Vorbildern dienen. Er wird dem einen ergeben sein und das andere abweisen. Für das eine wird er sich ganz einsetzen, und das andere wird er verachten. Ihr könnt nicht Gott dienen und zugleich dem Mammon.

 

Deshalb sage ich Euch: Macht euch keine Sorgen um das, was Ihr an Essen und Trinken zum Leben und an Kleidung für euren Körper braucht. Ist das Leben nicht wichtiger als die Nahrung, und ist der Körper nicht wichtiger als die Kleidung? Seht euch die Vögel an! Sie säen nicht, sie ernten nicht, sie horten keine Vorräte und euer Vater im Himmel ernährt sie doch. Seid ihr nicht viel mehr wert als sie? Wer von euch kann dadurch dass er sich Sorgen macht, sein Leben auch nur um eine Stunde verlängern?

Und warum macht ihr euch Sorgen um eure Kleidung? Seht euch die Lilien auf dem Feld an und lernt von ihnen! Sie wachsen, ohne sich abzumühen, ohne zu spinnen und zu weben. Und doch sage ich euch: Sogar Salomon in all seiner Pracht war nicht so schön gekleidet wie eine von ihnen. Wenn Gott das Gras der Felder, das heute blüht und morgen gemäht wird, so herrlich kleidet, wird er sich dann nicht erst recht um euch kümmern, ihr Kleingläubigen?

Macht euch also keine Sorgen! Fragt nicht ständig, was sollen wir essen? Was sollen wir trinken? Was sollen wir anziehen? Denn um diese Dinge geht es den Heiden, die Gott nicht kennen. Euer Vater im Himmel aber weiss, dass ihr das alles braucht. Es soll euch zuerst um Gottes Reich und Gottes Gerechtigkeit gehen, dann wird euch das Übrige alles dazugegeben.

Macht euch nicht immer nur Sorgen um den nächsten Tag! Der nächste Tag wird für sich selbst sorgen. Es genügt, dass jeder Tag seine eigene Last mit sich bringt.

***

Ein radikaler Text, der viele dazu verleitet, gleich mal seine Widersprüche zu suchen und ihn deswegen als untauglichen Entwurf für unsere Lebensweise beiseite zu schieben. „Sollen wir uns etwa nicht um die Nahrung von morgen kümmern? Selbst die Vögel kümmern sich ja um den nächsten Tag, wenn sie nisten. Und auch die Eichhörnchen legen sich Nahrung für den Winter beiseite.“ Auch Martin Luther sprach ja vom Apfelbaum, den wir pflanzen, auch wenn die Welt morgen untergehe. Und gerade deswegen geht sie ja nicht unter!

„Alle Menschen ohne Kleider?“ Das wäre ja furchtbar anzusehen. So schön wie Lilien sind sie nun mal nicht.

Diesen Text derart wortklauberisch anzugehen, wäre in der Tat kleingläubig und kleinkariert.

Es ist ein alt bekanntes Muster, eine Vision damit lächerlich zu machen, indem wir auf die schiere Unmöglichkeit verweisen, sie praktisch umzusetzen. Es wird nach dem Splitter der Alltagsuntauglichkeit einer Vision gesucht, statt den Balken im Auge der Gegenwart sehen zu wollen. Sehen wir uns deshalb den Grundgedanken des Textes an und vergleichen ihn mit den Verhältnissen heute und jetzt.

Wie ist es denn mit den Reichtümern, die hier auf Erden gesammelt werden?

Zwei Vergleiche:

  • Goldman Sachs hat im Jahre 2010 17,5 Milliarden Dollar an Bonifikationen ausgeschüttet.
    1,2 Milliarden Menschen leben mit weniger als einem Dollar pro Tag, drei Milliarden mit weniger als zwei Dollar. Ein Drittel der Weltbevölkerung hat keinen Zugang zu sauberem Wasser, die meisten afrikanischen Bauern haben kein Wasser, um ihre Felder zu bewässern.
  • Heute verbrennen wir fossile Brennstoffe, zerstören die Atmosphäre, wir plündern Wälder und Meere.
    Würde jeder Mensch auf der Erde gleichviel Energie brauchen wie wir in Europa, bräuchten wir drei Planeten. Jeden Tag verschwindet eine Tier- oder Pflanzenart. Fleischproduktion und Biotreibstoffe führen zu Mangel an Wasser, Ackerland und Nahrung. Regenwälder weichen Zuckerrohr, um die individuelle Mobilität mit so genannten Biotreibstoffen zu fördern. Die Folgen sind Hunger, Krieg und Migration.
    Wir plündern die Erde aus.

Dieses Verhalten ist nicht etwa eine völlig neue Erscheinung unseres Jahrhunderts.

Einen Anlass, den Text zu sprechen, dem wir uns heute widmen, gab es immerhin auch vor 2'000 Jahren.

Schon zu Zeiten Christi wurden Wälder zu Flotten, Bäume zu Masten auf Poseidons Wogen. Ganze Reiche verschwanden, einerseits wegen der Kriege, aber vor allem weil die Rodungen dramatische Klimaänderungen zur Folge hatten, z.B. in den nordafrikanischen Provinzen Roms.

Später, heute vor 500 Jahren, frönten Religionsherrscher nur den eigenen Vorteilen. Die Kirche plünderte die Gläubigen zur eigenen Bereicherung und sammelte sich so Schätze auf Erden. Sie hielt nicht Mass, kümmerte sich um Armut und Elend einen Deut. Diesen Auswüchsen hielt die Reformation die ursprüngliche Botschaft Christi entgegen.

Betrachten wir die heutige Weltlage, haben wir wiederum allen Anlass, unseren Text sehr aufmerksam zu lesen und uns zu besinnen, wo unser Reichtum zu suchen ist und wo also unser Herz sein sollte.

***

Blicken wir zurück.

Nach dem kalten Krieg, in welchem Kommunismus und freie Marktwirtschaft um die moralische Vorherrschaft rangen, fiel vor 20 Jahren der eiserne Vorhang, es fiel die Mauer in Berlin.

Wo früher John F. Kennedy dem Kommunismus ein Ende prophezeite, triumphierte nun Bill Clinton im Namen des siegreichen freien Marktes. Jetzt sei die Freiheit schlechthin ausgebrochen, jubelte er, wörtlich: „Alles ist möglich".

Die Globalisierung der Wirtschaft nahm rasch und ungezügelt ihren Lauf. Die Politik hielt mit dieser Entwicklung nicht Schritt, teils weil sie es nicht konnte, vor allem aber, weil sie es nicht wollte.

Das Horten finanzieller Reichtümer als Ungerechtigkeit

„Weniger Staat", hiess die Losung, auf dass das Geld ungestört arbeite. Dow-Jones und DAX wurden zu Fixsternen der gesamten Lebensorientierung.

So wie hundert Jahre zuvor der Manchesterliberalismus die soziale Verantwortung vernachlässigte, missachtete nun der Neoliberalismus demokratische Strukturen des Zusammenlebens, die Endlichkeit der natürlichen Ressourcen, ja die Substanz des Kapitals selber.

Wahrlich, da wurden Schätze gesammelt: Reserven wurden geplündert, Rentenkassen ausgeblutet. Sofortige Renditen, kurzfristige Gewinne, Masslosigkeit und Gier waren die Triebfedern des Tanzes um das goldene Kalb. Aus Banquiers wurden Bankers. In einer moralischen Leere wucherte eine wirtschaftliche Anarchie zur grössten Finanz- und Wirtschaftskrise.

Helmuth Schmidt im Gespräch mit Fritz Stern (Unser Jahrhundert): „Der Reichtum von Bankmanagern löst nicht nur Neid, sondern Zorn und Verachtung aus, auch meine Verachtung. Obszön ist dafür der richtige Ausdruck.“

Immer noch gibt es neben unglaublichem Reichtum bitterste Armut und zwar auch wieder innerhalb unserer Breitengrade.

Reichtum ist mit Macht, Einfluss und Verantwortung verbunden. Wenn diese zum Selbstzweck verkommen, begründen sie Unfreiheit für die anderen und damit eine Ungleichheit, die nicht legitimiert werden kann und die gewiss nicht Gottes Gerechtigkeit entspricht.

Vor hundert Jahren war der Sozialstaat eine ethische Korrektur zur industriellen Revolution. Nach dem zweiten Weltkrieg diente im Westen die soziale Marktwirtschaft als moralisches Bollwerk gegen den Staatssozialismus. Deswegen fühlte sich die Privatwirtschaft ihr auch verpflichtet. Mit der Globalisierung überwanden dann die Märkte nationalstaatliche Grenzen und entwanden sich so ihrer sozialen Verpflichtungen.

Heute hat immer noch jeder Nationalstaat seine eigene Sozialpolitik, schottet sich und seine Bürger ab gegen Sozialdumping, mit anderen Worten: er sperrt Brüder und Schwestern aus ärmeren Ländern und Kontinenten aus.

  • Soziale Spannungen sind ungerecht, führen zu Krieg und Revolten. Sie zu vermeiden ist deswegen ein Gebot der Gerechtigkeit. Unterlassen wir es, schaffen wir Unrecht und dieses holt uns wieder ein durch Migration, Kriege, in die wir, auch wenn sie noch so entfernt stattfinden, doch wieder eingebunden werden.
  • Oder umgekehrt: Wenn wir dazu beitragen, dass Spannungen in anderen Kontinenten vermieden werden, vermeiden wir auch, dass sie uns ereilen. So wie es in unserem Text heisst: „Es soll euch zuerst um Gottes Reich und Gottes Gerechtigkeit gehen, dann wird euch das Übrige alles dazugegeben.“

Die Plünderung der Erde

Doch maßloses Schätzesammeln gibt es nicht nur in der Welt der Banker und der Finanzen.

Wir alle übernutzen die natürlichen Ressourcen und überhitzen das Klima und steuern so in eine Krise der Umwelt und der Humanität, die mit dem Reich und der Gerechtigkeit unseres Textes nichts zu tun hat.

Die Menschen suchten seit jeher, wie alles andere Leben, wie die Vögel und die Lilien auch, sich zu behaupten.

Wie kein anderes Wesen griffen sie aber aktiv in die Umwelt ein und breiteten sich unaufhaltsam aus.

Es gibt eine erste, harmlose Stufe:

  • Sie nutzen die Natur. Das soll auch so sein. „Macht euch die Erde untertan“:
    • ernähren sich von ihr als Jäger, Sammler und Molekularköche,
    • wir heilen uns mit Pflanzen, Chemie und Genmedizin, können heute Krankheiten heilen, an denen unsere Grosseltern noch gestorben sind,
    • wir gewinnen Wärme und Energie mit Tierfellen, Erdwärme, Wind, Wasser und Sonne,
    • wir erlaben und erholen unsere Seelen an der Schönheit der Natur. Wir verbringen vor den Kulissen der Alpen Ferien, um uns seelisch wieder herzustellen. 

Es gibt eine zweite, etwas heiklere Stufe: 

  • Wir benutzen die Natur:  
    • Genügt sie unseren Ansprüchen nicht, formen wir ihre Ästhetik nach unserem Gusto:  
      • Wir gestalten Gärten und Landschaften, und wir basteln an uns selber herum, um uns und anderen zu gefallen.
      • Frauen spritzen die Lippen, bis sie überquellen,
      • Männer lassen sich liften und Haare transplantieren. Sogar Staatschefs machen das. Wieso auch?
      • „Seht euch die Lilien auf dem Feld an und lernt von ihnen! Sie wachsen, ohne sich abzumühen und ohne zu spinnen und zu weben. Und doch sage ich euch: Sogar Salomon in all seiner Pracht war nicht so schön gekleidet wie eine von ihnen.“ (Bei den gelifteten Politikern muss man allerdings weniger an Lilien denken als an Narzissen...)

Es gibt eine dritte, viel schwerwiegendere Stufe:

  • Wir nutzen die Natur aus:
    CO2 Ausstoß, Klimaerwärmung, Schäden gigantischen Ausmaßes. Zerstörung ganzer Landstriche, Vertreibung ganzer Völker, Malediven oder Bangladesh.
    Selbst wenn fossile Brennstoffe ökologisch völlig unbedenklich wären: Ist es nicht ein Wahnsinn, einen Rohstoff, der in Jahrmillionen entstanden ist, innert weniger Generationen zu verfeuern? Ein Rohstoff, der für Millionen anderer Produkte (zum Beispiel Pharmazeutika) von unschätzbarem Wert ist.

Unser Planet hat Grenzen. Wenn wir ihn nicht nachhaltig bewirtschaften, zerstören wir die Grundlagen unseres Lebens. Ohne natürliche Ressourcen können wir keine soziale Welt schaffen (und auch keine Wirtschaft erblühen lassen). Daraus ergibt sich die Pflicht, die Schöpfung, die Vielfalt der Fauna und Flora zu achten und weiter zu vererben.

Der Globalisierung der wirtschaftlichen Entfaltung muss eine Globalisierung der Sicherheit folgen. Wir können auch sagen, eine Globalisierung der Solidarität. Solid bedeutet stabil, es geht um eine Stabilisierung der Welt. Die Folgen des Klimawandels oder die Schäden kumulierter Grosskatastrophen wie derjenigen im Golf von Mexico oder in Japan zeigen, dass nicht weniger als die Stabilität der Welt zur Diskussion steht.

Wir haben nicht das Recht, ein Risiko auf Kosten anderer einzugehen.

  • Andere: Das sind auch andere Kontinente, andere Völker.
  • Andere: Das sind auch künftige Generationen und da ist es unlauter zu argumentieren: „Ein Atom GAU geschieht ja nur all 3000 Jahre.“ Welches Recht haben wir, unseren Nachfahren ein Risiko zu überbürden, das wir selber nicht akzeptieren?

 

 

„Ist das Leben nicht wichtiger als die Nahrung und ist der Körper nicht wichtiger als die Kleidung?“

Das Verhältnis der Menschen zur Natur hat sich stets gewandet. Auch der Satz: „Macht euch die Erde untertan“ wurde über die Jahrtausende stets neu interpretiert, bis er – gegenwärtig – als Gebot gesehen wird, die Erde treuhänderisch für kommende Generationen zu verwalten.

Die kulturgeschichtliche Entwicklung ist eine nicht endende politische Modeschau.

Vor Jahrtausenden waren Götter selbst Teil der Natur.

Als Eva und Adam vom Baum der Erkenntnis aßen, ereignete sich der Sündenfall.

Abläufe der Natur wurden nun als sündig befunden.

Es gab nun böse und gute Natur. Entsprechend wurde die Natur einmal als Feind gesehen, den es zu erobern oder zu vernichten gilt, ein andermal wurde sie romantisch verklärt oder angebetet.

Im Humanismus sah sich der Mensch gegenüber der Natur als privilegiert, er ist ihr Herr und Meister, die Tiere und Pflanzen sind seine Untertanen.

Eine Folge der Reformation ist die Aufklärung. Mit ihr wurde versucht, das Verhältnis zwischen Natur und Mensch nach den Regeln der Vernunft zu ergründen.

Voltaire und Rousseau polemisierten in einem rationalen Diskurs, ob die Folgen des Erdbebens von Lissabon auf das Konto der Menschen oder der Natur gehe, denn von Gott gewollt habe diese Katastrophe doch nicht sein können. Es wurden die verschiedenen und gegensätzlichen Ansprüche des Menschen gegenüber der Natur definiert und dann rational gegeneinander abgewogen.

Dieses Aufrechnen unserer Ansprüche an die Natur kennen wir noch heute:

Ob Wasser- oder Waldgesetzgebung, stets versuchen wir, minutiös die divergierenden Ansprüche an die Natur zu berücksichtigen und auszugleichen.

Eine weitere Folge der Reformation ist derKapitalismus.

In einer seiner zugespitzten Denkart wird heute Umweltpolitik betrieben:

Es wird ökonomisch errechnet, was welche Natur wert ist und der Grad ihres Schutzbedürfnisses wird entsprechend festgelegt. 

 

  • Biodiversität wird in Milliarden Franken errechnet, ebenso die Umwelt als solche.
  • Der Stern-Bericht listet die Folgen des Klimawandels in Dollars und Franken auf. Das hat das politische Bewusstsein zugunsten einer effizienten Klimapolitik sehr beschleunigt.

Als politische List mag dieses Vorgehen berechtigt sein, um in der Realpolitik der Natur Gehör zu verschaffen.

Doch müssen wir aufpassen, dass wir ökonomische Werte nicht selber verinnerlichen und ihnen dienen, denn:

 

 

„Wo dein Reichtum ist, wird auch dein Herz sein.“

Zunächst: Vergessen wir nicht - auch der Mensch ist Teil der Natur. Wenn die Natur nach Geldwerten definiert wird, muss in letzter Konsequenz auch der Mensch seine Daseinsberechtigung ökonomisch ausweisen. Wie viel ist dann ein Menschenleben wert?

Dürrenmatts Alte Dame stellte den Güllenern für den Tod ihres ehemaligen Geliebten eine Milliarde in Aussicht. Dieser war verloren, als die Güllener sein künftiges Weiterleben als entgangenen Gewinn zu kalkulieren begannen. In dieselbe ethische Falle tappen wir auch, wenn wir die Natur nur als Geldwert sehen:

  • Wie teuer darf für die Krankenkasse die Operation x im Alter y sein?
  • Welchen Betrag sollen wir für Wildbrücken über Autobahnen ausgeben?
  • Welchen für Biodiversität?
  • Was ist eine bedrohte Spinnenart wert?
  • Es wurde errechnet, was es kosten würde, wenn wir das Bestäuben der Blüten selber übernehmen müssten, falls die Bienen eines Tages ausfallen: Millionen über Millionen von Euros.
  • Ein Öko-Pionier errechnete vor über 20 Jahren den Wert eines Blaukehlchens und kam auf einen Betrag von 237 Franken und 16 Rappen.  

 

Die ökonomische Logik dominiert gegenwärtig die Politik und das gesellschaftliche Leben überhaupt, einschliesslich unser Verhältnis zur Natur.

Wir müssen uns von diesem ökonomischen Diktat befreien und ihm andere Werte entgegensetzen.

„Denn um diese Dinge geht es den Heiden, die Gott nicht kennen.“

Diese Beziehung zur Natur ist gestört, wenn wir sie nur nach monetären Werten definieren und sie den Börsenkursen überlassen, die dem Markt, also der Beliebigkeit folgen.

Es gibt andere als ökonomische Werte, nämlich moralische oder politische Werte, wie Solidarität, Liebe, Achtung, Ethos.

„Ein Mensch kann nicht zwei Vorbildern dienen. Er wird dem einen ergeben sein und das andere abweisen. Für das eine wird er sich ganz einsetzen, und das andere wird er verachten. Ihr könnt nicht Gott dienen und zugleich dem Mammon.“

Es gibt Werte, die können wir nicht in Geld aufwiegen. Menschenleben so wenig wie Glück. Wir müssen lernen, uns von der gegenwärtig vorherrschenden Werteskala zu befreien.

„Sammelt Euch stattdessen Reichtümer im Himmel, wo weder Motten noch Rost sie zerfressen und wo auch keine Diebe einbrechen und sie stehlen. Denn wo dein Schätze sind, wird dein Herz sein.“

Es gibt ein übergeordnetes, ein absolutes Ziel der Nachhaltigkeit: die Erde zu erhalten.

  • Deswegen kann die zulässige Erwärmung des Klimas nicht mit den wirtschaftlichen Bedürfnissen der Industrie- oder Entwicklungsnationen kalkuliert und abgeglichen werden, nicht in einem Dreisatz zwischen den Forderungen der G8, der Entwicklungsländer und der Administration Obama errechnet werden. Es gibt nur ein einziges Kriterium: den Erhalt des Planeten und des Lebens, welches er ermöglicht.
  • Deswegen kann Biotreibstoff nicht einfach als Ersatz von fossilem Treibstoff willkommen geheissen werden, sondern er hat seine Berechtigung erst, wenn er das Überleben von Menschen und Regenwald nicht gefährdet.
  • Deswegen kann Atomenergie nicht deshalb akzeptiert werden, weil sie eine gute CO2-Bilanz hat, sondern sie hat ihre Berechtigung erst, wenn nachgewiesen ist, dass sie kein Risiko für unseren Planeten darstellt.
  • Deswegen kann das Aussterben von Tieren und Pflanzen nicht hingenommen werden, sondern wir haben die Arche Noah zu bestellen, damit sich alle Gattungen auch in Zeiten der Flut fortpflanzen. (Alle Gattungen, nicht nur Medienstars wie Eisbär Knut selig und Schwertwal Willy. Die ganze Knutisierung führt zur Finsternis unseres Verstandes und lenkt von den wahren Aufgaben ab. Unbekannte Spinnen und Farne sind auf das Ethos des heutigen Textes angewiesen.)

Das Grundwasser, aus dem wir unsere Werte schöpfen

Wir leben in einer säkularisierten Welt. Doch haben nicht nur die Religion, sondern auch politische Ideologien an Bedeutung verloren, seit der Wettlauf zwischen Kapitalismus und Kommunismus beendet ist.

Nicht dass wir Ideologien nachtrauern - wodurch aber wurden sie ersetzt? Beliebigkeit macht sich breit, Einschaltquoten und Spass werden zu Zielmarken, Wirtschaftspragmatismus ohne ethisch reflektierte Grundlagen setzt sich durch.

Die Staatengemeinschaft muss den Auswüchsen des kleptomanischen Finanzgebarens und der Plünderung der Erde mit verbindlichen Normen begegnen. Gewiss genügen blosse Appelle an das individuelle Verhalten nicht. Doch andererseits kann kein Staat nur mit Gesetzen und Verordnungen funktionieren und die Staatengemeinschaft erst recht nicht. Er ist auf Werte angewiesen, an denen die Menschen sich orientieren und nach welchen sie tatsächlich leben.

Diese Werte beruhen nicht etwa allein auf dem Christentum und seinen Konfessionen. Juden, Moslems und Hindus gestalten unsere Kultur ebenso mit wie Atheisten und Agnostiker. Kulturen, Religionen, Philosophien bilden seit jeher dieses ewige Grundwasser, das eine staatliche Gemeinschaft erst ermöglicht. Jeder schöpft aus seinen Quellen.

Uns aber gibt der heutige Text Anlass, uns nicht eine Ethik von aussen, zum Beispiel durch Staaten verordnen zu lassen, sondern mit unserem Verhalten aus unseren Herzen zu wirken und so die Staaten und ihr Verhalten zu beeinflussen, seien wir nun Konsumenten oder Wirtschaftsvertreter. So ergibt sich ein Konzept einer Menschheit mit einer ethischen Selbstorganisation jenseits staatlicher Verordnungen. Wir stützen uns dabei auf Texte wie dem über das Schätzesammeln und die Lilien im Felde. Ohne solche Texte, ohne solche radikale Vorstellungen mangelt es uns an Orientierung. Deswegen ist dieser Text nicht eine irreale Vision, sondern ein Fixstern, nach dem wir uns richten sollen.

„ Das Auge gibt dem Körper Licht. Ist dein Auge gut, dann ist auch der ganze Körper im Licht.

Wo dein Reichtum ist, wird auch dein Herz sein.“