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Die Prättigauer Harfe

12.9. - Rede bei der Eröffnung Sunnibergbrücke/ Umfahrungsstrasse Klosters

Wenn wir in den letzten sieben Jahren das Prättigau hinauffuhren, sei es im Zug oder im Auto, bestaunten wir immer dieses wunderbare Schmuckstück, das sich majestätisch über das Tal spannt, dieses anmutige Gebilde, dieses Geflecht von silbernen Drähten, durch die der Himmel des Prättigaus schimmert – die Prättigauer Harfe.

Erwartungsvoll haben wir darauf gewartet, dass sie sich öffne und für uns aufspiele. Doch sie blieb stumm und wies alle Automobile ab. Nur Baumaschinen und Schuttcamions liess sie passieren. Selbst dem Verkehrsminister gab sie einen Korb, der sie schon längst hatte einweihen wollen.

Da ahnten die Prättigauer: Diese Harfe strebt nach Höherem. Sieben lange Jahre hat sie wie Aschenbrödel Staub geschluckt und schwere Laster ertragen. Jetzt muss ein Prinz kommen.

Eine Prättigauer Prücke praucht einen Prinzen.

So machten sich die Prättigauer auf die Suche nach einem Prinzen. Und sie fanden einen, der auf Skiern die Hänge des Prättigaus herunterraste, manchmal sogar neben den Pisten. 

Er sagte ohne zu zögern Yes und er ist gekommen:

Willkommen lieber Prinz.

Welcome Prince Charles.

Da hörten die Prättigauer aber plötzlich ein dumpfes Dröhnen aus dem Gotschnatunnel: „Wir sind hier in der Schweiz“ grollte es. „Ich schlucke den Verkehr dieser Harfe nur, wenn auch ein schweizerischer Prinz kommt.“ 

Die Prättigauer waren ratlos. Woher sollten sie einen Prinzen Made in Switzerland nehmen? Da kam einer auf die Idee: „Nehmen wir doch den Bundespräsidenten fürs nächste Jahr. Der ist auch eine Art Thronfolger!"

So intervenierten sie im Parlament – das können sie gut, die Prättigauer - und dieses wählte den Verkehrsminister  noch schnell zum Präsidenten. Und so hatten die protestierenden Prättigauer eine Prücke, einen Prinzen, einen Präsidenten - und kein Problem mehr.

Jetzt sind wir alle da und weihen zugleich ein königliches Werk als auch ein demokratisches Werk ein.

Ein königliches Werk - A majestic work

Wie eine Krone schmückt die Brücke das edle Prättigau und verleiht ihm den Glanz von Schönheit und Luxus. Diese Brücke ist nicht einfach ein Werk, das uns von A nach B führt, sie ist mehr. Sie ist ein Werk der gestaltenden Ästhetik.

Ästhetik entsteht, wenn sich Menschen mit ihren Lebensbedingungen und mit der Natur auseinandersetzen. Dieses Bauwerk verbindet die Menschen mit ihrer Landschaft. Die Sunnibergbrücke ist ein Blickfang in der Landschaft und doch wirkt sie bescheiden. Sie beherrscht nicht die Landschaft, sondern sie passt sich ein und schafft eine elegante Verbindung zwischen Technik und Natur.

Eine demokratische Brücke

Diese Brücke ist auch ein Symbol für die Gleichbehandlung aller Regionen in der Schweiz. Auch periphere Gebiete und kleinere Ortschaften haben ein Recht auf eine gut ausgebaute Infrastruktur, die ihnen wirtschaftlich eine Zukunft bietet.

Eine Landschaft über Generationen zu bewohnen und sie zu prägen, ist eine Leistung. Die Schweiz ist auf alle ihre Regionen angewiesen, sie sind wirtschaftliche und kulturelle Ressourcen.

Eine neue Verkehrsverbindung ist meist ein Segen. Sie bringt neue Entwicklungsmöglichkeiten. Sie kann aber auch zum Fluch werden, dann, wenn sie dazu führt, dass die Landschaft verschandelt, die Luft schmutzig, die Ruhe gestört wird, kurz wenn die Lebensqualität zerstört wird.

Deshalb war es stets unser Wille, die Vereinalinie als Beitrag zu einem nachhaltigen Tourismus zu nutzen.

Auch die Fortsetzung des Vereinatunnels ins Unterland ist eine Strasse, die gepflastert ist mit eidgenössischer Skepsis und eidgenössischen Hoffnungen. Das Geld ist weder im Tunnel verlocht noch über die Brücke in die Landquart hinuntergeworfen worden. Klosters bekommt durch die Umfahrung Ruhe vor dem Durchgangsverkehr. Ruhe ist für ein Gebiet, das auf sanften Tourismus setzt, das wichtigste Kapital.

Aus demselben Grund soll auch Saas seinen Umfahrungstunnel erhalten und ich bin froh, konnten die Arbeiten dieses Jahr beginnen. Das ist die Folge von so liebenswürdigen Demonstrationen wie damals in Saas, als der Vereinatunnel eröffnet wurde und als mir bei der Strassendemonstration ein Glas Honig geschenkt wurde. Diese Aktion hat etwas bewirkt.

Honig gab es auch vorgestern im Bundeshaus. Einmal für mich als neuen Bundespräsidenten, aber vor allem für das Graubünden, indem der Nationalrat die Vorinvestitionen zur Porta Alpina bewilligte.

Die Porta Alpina ist ein Erfolg der direkten Demokratie. Politischer Einsatz kann etwas bewirken. Die Initiative für dieses Projekt kam aus der Region. Sie, Herr Regierungsrat, und Ihre Gefährten haben Überzeugungsarbeit geleistet, Widerstände beseitigt und in Bundesbern etwas bewegt. Auch ich habe mich von Ihnen und Ihren Kollegen anstecken lassen mit der Begeisterung, dass die Porta Alpina eine Tür mit Zukunftsaussichten ist und habe mich dann für dieses Projekt eingesetzt.

Es geht auch hier um unser schweizerisches Staatsverständnis: Von der gigantischen Investition in die NEAT sollen nicht nur die grossen Zentren profitieren, sondern auch andere Regionen.

Die Idee vom Bahnhof inmitten von Stein und Fels mit dem Lift direkt ans Licht hat etwas von jenem visionären Geist, der die frühen Eisenbahnpioniere beflügelte und sie zu Projekten anspornte, die in den Augen mancher ihrer Zeitgenossen als Verrücktheiten galten. Doch gerade solche Bahnprojekte wurden dann zu jenen Sehenswürdigkeiten, denen die Schweiz ihren Erfolg als Tourismusland verdankt.

Ein Kunstwerk - A piece of art.

Diese Brücke ist aber sehr viel mehr als nur ein Tablett für Automobile, das Klosters von der Durchfahrt entlastet. Diese Brücke ist ein Kunstwerk.

Ich habe es immer wieder gesagt, Kultur ist die wichtigste Infrastruktur. Heute darf ich es zum ersten Mal englisch sagen: Art is he most important infrastructure.

Ich betone das immer dann, wenn es heisst, der Infrastrukturminister solle sich weniger um Kunst und mehr um Schienen und Strassen kümmern. Bei der heutigen Eröffnung habe ich diesen Konflikt nicht. Diese Brücke ist Kultur, sie ist ein Kunstwerk.

Nicht nur ihr Aussehen, auch wie sie zustande gekommen ist. Nicht erst die fertige Brücke verbindet Menschen. Schon die Planung und der Bau sind ein Gemeinschaftswerk, bei dem alle menschlichen und technischen Elemente zusammenspielen.

Christian Menn

A bridge cannot be built by one man alone. It is the work of many hands. “Eine Brücke baut nicht nur ein einzelner Mensch. Daran sind viele beteiligt.“  Das sind die Worte von Christian Menn. Die heutige Feier gilt auch ihm, dem grossen Brückenkünstler der Schweiz.

Christian Menn hat schweizerische Ingenieurkunst - und wenn ich sage Kunst, meine ich Kunst - in alle Welt gebracht . Christian Menn steht mit seinen Werken in der Tradition so bedeutender Brückenbauer wie Guillaume-Henri Dufour, Othmar Ammann, Richard Coray und Robert Maillart. Die Salginatobelbrücke und die Sunnibergbrücke machen das Prättigau zu einem Mekka des Brückenbaus. Es sind Brücken zur Welt.

Christian Menn ist ein Brückenbauer, ein Pontifex, wie es mancher Politiker gerne sein möchte. Doch kein Politiker schafft die Bescheidenheit von Christian Menn. Ich denke an seinen schlichten Satz: „Bei Einbezug aller Rahmenbedingungen ergibt sich die richtige Brücke von selbst“.

Da werde ich als Politiker fast ein wenig neidisch. Eigentlich möchten wir in der Politik ja auch versuchen, alle Rahmenbedingungen zu berücksichtigen. Aber oft ist es bei uns so, dass der eine Brückenpfeiler schon umgesägt wird, während am anderen Ufer noch ein Platz für den nächsten Pfeiler gesucht wird.

The most mundane solution is not always the best. Das ist eine weitere Aussage von Christian Menn: „Das Banalste ist nicht immer das Beste“.

Wie gerne  würde ich diesen Satz über dem Bundeshausportal anbringen, aber ich will ja niemanden abqualifizieren.

Wie eine Harfe spannt sich die Sunnibergbrücke über das Tal. Sie wirkt so filigran, dass sie in der Luft zu  schweben scheint.

Singt sie auch im Wind?

Bis jetzt hat niemand etwas gehört. Doch die Einwohner von Kloster hören bald, wie der Wind seine Lieder durch die Brücke harft, sie lauschen dem „Sound of Silence“, dem Klang der Stille. Und so übergeben wir heute die Prättigauer Harfe dem himmlischen Kind, dem Wind. Er spielt auf ihr die Melodie der Stille und der Schönheit und durch die Saiten schimmert der Himmel des Prättigaus.