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Die interdisziplinäre Dimension

19. 5. - Rede bei der Eröffnungsfeier des Festivals Science et Cité im KKL Luzern

Vom Dach des KKL tropft Kupfer in den Vierwaldstättersee

Aus Wissenschaft, Kunst und Politik haben wir uns heute unter dem weiten und ausladenden Dach des KKL versammelt. So majestätisch und ruhig dieses von weitem erscheinen mag, so dynamisch ist die politische Sprengkraft, die es bei näherem Hinsehen birgt.

Das KKL-Dach hat eine Fläche von 13'000 Quadratmetern, 9000 davon sind mit einer Kupferschicht überzogen. Bei Regen lösen sich auf dem Dach winzige Kupferpartikelchen und werden in den Vierwaldstättersee gespült. 17 Kilogramm sind das jedes Jahr, das hat die Eidgenössische Materialprüfungs- und Forschungsanstalt EMPA in einem Gutachten festgehalten. Seit der Eröffnung des KKL sind etwa 120 Kilo Kupfer in den See getropft. Der Seegrund unter der Dachtraufe des KKL enthält heute pro Kilogramm Sediment ein halbes Gramm Kupfer.

Dieser Sachverhalt bewegt die Gemüter, die Zeitungen fragen in ihren grössten Buchstaben: Vergiftet das Kupfer vom KKL-Dach den See, die Fische, badende Touristen oder, noch schlimmer, Zentralschweizer?

Wo die Medien sind, ist die Politik nicht weit und so befassen sich mit den Kupfertropfen bereits die politischen Behörden von Luzern.

Nun tropft allerdings seit Jahrhunderten auch von den Turmhelmen der Luzerner Hofkirche Kupfer zu Boden. Und seit Jahrzehnten rinnt es überall auf der Welt von den Fenstereinfassungen, von den Dachkänneln und den Abdeckblechen unserer Häuser. Rebberge in aller Welt werden mit Kupferbrühe besprüht, welche wir alle später lustvoll geniessen („Tannin auf dem Gaumen, langer kupfriger Abgang...“). Der überwiegende Rest tröpfelt zusammen mit Kupfer aus anderen Quellen in den Boden und in die Seen, Hunderte, Tausende von Tonnen müssen es mittlerweile sein. Dennoch hat es bis heute keine grossen politische Debatte um Kupferemissionen gegeben.

Warum wird die Frage ausgerechnet beim KKL-Dach gestellt?

Das ist wohl kein Zufall. Das KKL ist ein Kultursymbol und das Dach ist ein wesentliches Element dieses architektonischen Kunstwerks. Es prägt die Silhouette Luzerns und symbolisiert in der ganzen Welt den Willen der Luzernerinnen und Luzerner, der Kultur eine Heimat zu bieten.

Wenn dieses Dach nun in den Verdacht gerät, Ursache einer Umweltverschmutzung zu sein, so bewegt uns dies ungleich mehr, als wenn die Ursache ein gewöhnlicher Fenstersims wäre. Die Angst verbreitet sich, das KKL sei die Abkürzung für „Kupfer Kloake Luzern“. Das Paul Klee Zentrum sorgt jedenfalls vor und baut einen Kupferfilter ein – nicht, dass plötzlich der Umweltminister die Kupferstiche von Paul Klee wegen Umweltverschmutzung konfisziert.

Die Kupfertropfen geraten in einen politischen Strudel.

Kupfer tropft in den See. Das ist eine Tatsache. Weil es vom Dach eines Kunstwerkes aus geschieht, ist das von öffentlichem Interesse und die armen Kupfertropfen geraten in einen politischen Strudel.

Die Politik stürzt sich auf sie und bezieht ihre Positionen.

Die eine Partei wird argumentieren, das Kupfer im See stelle für Menschen, Fische und Algen eine Gefahr dar, das sei verantwortungslos gegenüber unseren Nachkommen, es brauche sofort einen Filter.

Die andere Seite wird erwidern, jede Vorschrift sei eine Vorschrift zu viel, es sei nicht erwiesen, dass Kupfer schade und es sei wieder einmal typisch, wie ausgerechnet die Kupfer-Wolle-Bast-Partei den Leuten Angst mache.

Die beiden Parteien bestellen, um ihre Anhängerschaft zu vergrössern und sich in den öffentlichen Diskussionen zu legitimieren, wissenschaftliche Gutachten.

Das führt zu einer ersten Beobachtung: Die Wissenschaft ist eine Disziplin, die über den Parteien steht.

Während Religionen oder politische Parteien je ihre Anhänger und Gegner haben, hat die Wissenschaft nur Anhänger, alle wollen sie zur Zeugin. Alle billigen ihr zu, was die Wissenschaft selber für sich auch in Anspruch nimmt, nämlich jenseits irdischer Parteilichkeit zu sein.

Die Gutachteraufträge werden also erteilt, und nun beschäftigen sich Wissenschafter mit dem Phänomen der Kupfertropfen im See. Warum nicht schon früher? Ist unter dem Aspekt der Gesundheitsschädigung Kupfer wirklich das Vordringlichste, das wissenschaftlich abgeklärt werden muss? Gäbe es für das Wohl der Menschheit nicht dringendere Fragen zu untersuchen?

Anfangs dieses Monats entbrannte bei einer Energieministerkonferenz in Paris unter den Ministern eine hitzige Debatte darüber, warum nicht nach einem CO2-freien Kohlekraftwerk geforscht werde. Schliesslich habe man doch auch einen bemannten Mondflug erfolgreich zum Ziele gemacht und dazu wissenschaftliche Forschung initiiert.

Das führt zu einer zweiten Beobachtung: Die Unparteilichkeit der Wissenschaft gerät allein deshalb schon ins Wanken, weil sie Abklärungsaufträge aus Wirtschaft und Politik annimmt und auch zu einem grossen Teil davon lebt.

Wieso erforscht sie gerade den Gegenstand, der in Auftrag gegeben wurde? Es müsste ja eigentlich die wertneutrale Wissenschaft selber entscheiden, welche Fragen der Welt zu untersuchen wären und nach welcher Systematik eine solche Prioritätenordnung erstellt werden könnte.

Doch die Unabhängigkeit der Wissenschaft wird noch heftiger erschüttert: Beobachten wir den Fortgang des Luzerner Kupferstreites:

Die eine Partei, welche Kupfer im See für harmlos hält - nennen wir sie die Schweizerische Verharmlosungs-Partei -, wird den Gutachter, den sie sich sorgsam aussuchte und dabei darauf achtete, dass er auch einige Jahre bei einem Chemieunternehmen gearbeitet hat, fragen:

„Ist es nachgewiesen, dass durch ein Kupfertröpfchen die Gesundheit von vielen Menschen ernsthaft gefährdet ist?“

Die besorgte Gegenpartei - früher hiess sie Grünspan-Partei Schweiz, heute nur noch Grünspäne - fragt ihre GutachterInnen, es ist ein Kollektiv: „Ist auszuschliessen, dass durch die Unmengen Kupfer im See Lebewesen Nachteile erleiden?“

Die Antworten der beiden Gutachter fallen, wer hätte das gedacht, verschieden aus. Der Chemie-Experte legt in seiner Präsentation auf Glanzfolien dar: „Zwar kann Kupfer Algen, Würmern, Käfern und auch einzelnen Fischen schaden, kaum aber dem Menschen. Riskanter wäre es indes, wenn Kupfer in den Boden tropfen, von Pflanzen aufgenommen und von einem Schaf gefressen würde. Denn Schafe - das ist bekannt - akkumulieren Kupfer stärker als Fische. Allerdings ist auch dies zu relativieren, denn der menschliche Organismus erträgt relativ viel Kupfer.“

Die andere wissenschaftliche Meinung, diejenige des Kollektivs für ökozentristische Ganzheitsmethoden, schreibt ihre Erkenntnisse auf Umweltpapier und präsentiert sie nur wenige Tage nach Fristablauf: „Das Kupfer vom KKL-Dach reduziert nachweislich den Bestand an Algen, Würmern, Käfern und einzelnen Fischsorten im Seebecken. Im Lauf der Jahre wird sich zunehmend Kupfer auf dem Seeboden sammeln, zusammen mit allen anderen Kupferemissionen wird dies zur Verminderung der Artenvielfalt führen - zu der auch die Gattung Mensch gehört.“

Daher eine dritte Beobachtung: Die Wertneutralität der Wissenschaft wird zusätzlich belastet, weil sie sich zu wenig konsequent gegen die Beeinflussungsversuche ihres Auftraggebers wehrt. Er lässt sie bereits in die Fragestellung fliessen und umgrenzt so den Forschungsgegenstand zu seinen Gunsten. Er ordnet durch die Fragestellung die Beweislast zu, suggeriert also dem Gutachter den politischen Entscheid, wer was zu beweisen habe.

Gerade weil wir in einem Zeitalter der Wissenschaftsgläubigkeit leben, ist Wissenschaft auch das Objekt politischen Widerstreites und in öffentliche Interessengegensätze verflochten. Wem eine wissenschaftliche Erkenntnis nicht passt, der spricht der Studie schlicht die fachliche Qualität ab oder er bezichtigt die Verfasser der politischen Korruption. „Wer hat das Gutachten in Auftrag gegeben?“ lautet die Frage und schon scheint der Gutachter der Parteilichkeit überführt, seine Erkenntnisse erscheinen nicht wertneutral, werden also als wertlos bezeichnet.

Verflechtung von Wissenschaft und Politik
Es gehen aber auch gemeinsame Aufträge an wissenschaftliche Gutachter. Es gibt ja nicht nur die Voreingenommenen, sondern auch diejenigen, die sich aufrichtig um einen politischen Entscheid bemühen, den sie dann auch nachvollziehbar erklären möchten.

Es kommt auch häufig vor, dass gegnerische Parteien sich gemeinsam um eine Formulierung bemühen, deren wissenschaftliche Beantwortung sie dann akzeptieren wollen. Das wird auch bei unserer Luzerner Kupfertropfenforschungsgeschichte geschehen:

Das gemeinsam von der Kupfer- und Antikupferpartei in Auftrag gegeben Gutachten käme wohl zum Schluss: „Es kann nicht nachgewiesen werden, dass bleibende Störungen höheren Grades entstehen, es ist aber auch nicht auszuschliessen, dass bei exzessivem Wasserschlucken während des Badens gewisse Nachteile entstehen könnten, ob diese aber auf das Kupfer zurückzuführen sind, kann nicht mit Bestimmtheit gesagt werden.“

Das provoziert zunächst eine primärpolitische Reaktion: Beide Parteien stürzen sich auf diese wissenschaftliche Aussage und interpretieren sie je zu ihren Gunsten.

„Wenn ein des Schwimmen nicht mächtiges Luzerner Kleinkind Wasser schluckt, kann das zu einer Kupferleber führen“, heisst es auf der einen Seite. Die prompte Antwort: „Eine Mutter, die sich nicht um ihre urmütterliche Aufgabe kümmert und ihr Kind ungenügend beaufsichtigt, kann nicht die Allgemeinheit für die angebliche Kupferleber ihres Kindes verantwortlich machen.“

Doch nach diesen Primärreaktionen wollen die beiden Parteien von der Wissenschaft doch noch etwas mehr wissen. Sie verlangen ein Zusatzgutachten und fragen: „Ist die allenfalls geschluckte Kupfermenge für die menschliche Gesundheit gefährlich oder nicht?“

Das führt zu einer vierten Beobachtung: Um selber die politische Verantwortung nicht wahrnehmen zu müssen, drängt die Politik die Wissenschaft zu politischen Wertungen und diese erliegt dieser Versuchung häufig.

Die Wissenschaft verlässt ihre Wertneutralität dann, wenn sie Phänomene nicht nur misst oder beschreibt, sondern wenn sie ihre Befunde auch gleich noch als „schädlich“ oder „harmlos“ bezeichnet.

Das ist einerseits ein Fehler der Politik. Sie müsste nämlich eben diese Entscheidungen nach politischen Kriterien vornehmen. Sie muss benennen, welches Risiko sie eingehen will und welches ihr zu teuer ist. Indem sie versucht, diese Wertung auf die Wissenschaft abzuschieben, verführt sie diese, politisch zu werden und nimmt ihre eigene Verantwortung nicht mehr wahr.

Das zeigt sich zum Beispiel in der gegenwärtigen Diskussion um die Psychiatrie und die Verwahrung von Gewalttätern. Die Gesetzgebung zur Initiative ist in eine Sackgasse geraten weil die Politik von den Psychiatern Gutachten verlangt, welche diese mit der geforderten Gültigkeit nicht liefern können. Der ehrliche politische Entscheid wäre: Entweder verletzen wir Grundrechte der Inhaftierten oder aber wir nehmen das Risiko einer Rückfälligkeit in Kauf.

Ein anderes Beispiel sind die Grenzwerte von Handystrahlung. Sie sind in der ganzen Welt unterschiedlich festgelegt, ja innerhalb einzelner Länder gibt es verschiedene Werte. Salzburg beispielsweise hat Grenzwerte, auf die sich die Kupferparteien stets berufen. Diese verschiedenen Strahlungswerte sind eine Folge davon, dass die Gutachteraufträge stets verschieden gestellt werden und dass sie meist mit Wertungen vermengt worden sind. Die ehrliche Haltung der Politik wäre: Wir wissen zu wenig über die Schädlichkeit. Wir nehmen also entweder Gesundheitsschäden in Kauf oder aber wir wenden das Vorsorgeprinzip an (wir verbieten die Antennen, weil sie schädlich sein könnten, obwohl wir das nicht nachweisen können).

Gelegentlich vermengen sich die politischen und wissenschaftlichen Kriterien oft derart, dass sie kaum mehr zu entwirren sind:

Die Meinungsforschung eruiert die vorhandenen Meinungen und verkündet uns in exakten Prozentangaben, wie das Volk denkt. Eine strikt wissenschaftliche, unpolitische Feststellung, möchte man meinen. Doch der Glaube an die wertfreie Wissenschaftlichkeit solcher Sondagen wird erschüttert, wenn wir wissen, dass die Meinungsermittler ihre Auftraggeber auch abstimmungstaktisch beraten, ihnen sagen, welche Argumente sie in den Vordergrund schieben und welche sie besser vermeiden sollten. Das tun sie sogar ungebeten: Kürzlich hat das gfs-Institut festgestellt, es gebe eine noch nie da gewesene Kluft zwischen Bundesrat und Stimmvolk. Das Rezept, um diese Kluft zu überwinden, wurde dem Bundesrat gleich mitgeliefert: Er müsse sich um das „Sorgenbarometer“ der Bevölkerung kümmern. Das Sorgenbarometer ist ein Forschungsprodukt des gfs.

Wahre politische Interpretationskunst entwickelt die Meinungsforschung jeweils am Abstimmungswochenende, wo sie erklärt, warum sich das Volk nicht an die Prognosen zu halten geruhte.

Wertneutrale Wissenschaft?

Sie werden einwenden: „Das sind amüsante Beispiele aus der Tagespolitik, die sich mit interessengebundenen Auftragsgutachtern bindet. Es gibt aber doch die wertneutrale Grundlagenforschung und diese steht über den politischen Partikulärinteressen.“

Ich erlaube mir da gewisse Zweifel und vertrete – fünftens – die Meinung, Wissenschaft sei viel stärker von Sitten und Moden geprägt als sie vorgibt.

Aus den unterschiedlichen Kulturen in China, Indien und Europa sind unterschiedliche Medizinwissenschaften gewachsen. Die Welt wird kleiner und die Auffassungen um unterschiedliche Arzneien und Therapien prallen aufeinander.

Vor wenigen Wochen verfolgte ich einen Zischtigsclub über Homöopathie und klassische Medizin. Dort bekriegten sich studierte Ärzte in einer Art und Weise, dass sich Rededuelle in der politischen Sendung Arena geradezu sachlich und nüchtern ausnahmen.

Die Wissenschaft unterliegt zudem politischen Moden und deren zyklischen Pendelschlägen: Einmal wird die soziale Komponente stärker gewichtet als die individuelle, einmal wird auf die Vererbung, das andere Mal auf Sozialisation gesetzt.

Unter dem Einfluss fundamentalistischer religiöser Gruppen entwickelt sich in den USA heute ein Wissenschaftszweig, der zu belegen vorgibt, dass Darwins Evolutionstheorie falsch und der Mensch nicht vom Affen abstamme, sondern von Gott erschaffen worden sei. Bereits gibt es Schulen, in denen die Evolutionstheorie nicht mehr gelehrt werden darf.

In der Waldsterben-Debatte gab es wissenschaftliche Voraussagen, die sich heute als haltlos erwiesen haben, ein Umstand, der sowohl der Wissenschaft als auch der Klimapolitik ein Glaubwürdigkeitsproblem bescherte. Die Abkehr von wissenschaftlichen Erkenntnissen geht so weit, dass heute die schmelzenden Gletscher in Folien eingepackt werden.

Ist Wissenschaft reine Vernunft?

Viele Bewunderer der Wissenschaft sind der Meinung, diese unterscheide sich von der Politik insofern, als sie den Glauben durch die reine Vernunft ersetze. Kant war zwar überzeugt: Es gibt eine gültige wissenschaftliche Wahrheit.

Doch konnte Galileo Galilei nicht beweisen, dass die Erde um die Sonne kreist. Das tat später Newton. Er konnte auch nicht beweisen, dass jeder Gegenstand mit derselben Geschwindigkeit zu Boden fällt, weil er kein Vakuum erstellen konnte.

Einsteins Gleichung E = mc² galt lange Zeit – zumindest physikalisch als nicht bewiesen, ja als unbeweisbar.

Deswegen vertrete ich als sechste Ansicht: Auch Wissenschaft kennt einen Glauben.

Ein Wissenschafter geht seine Arbeit nicht anders an als ein Künstler oder ein Politiker. Er hat eine Eingebung, eine Überzeugung, an die er glaubt und für die er sich einsetzt. Das ist nicht etwa eine Kritik. Eine Gesellschaft kann sich durch das ängstliche Festhalten an dem, was bewiesen werden kann, nicht entwickeln. Wir brauchen auch kühne Thesen, welche die Basis für Erkenntnisse erst legen.

Denn der Mensch, und da gehören die Wissenschafter dazu, besteht aus Bauch und aus Kopf, aus Gefühl und Verstand, aus Geist und Fleisch, Traditionen und Hormonen, gleichgültig ob er sich wissenschaftlich, künstlerisch oder politisch betätige. Es gibt auch die Rationalität der Emotionen, und es gibt die Vernunft des Herzens, wie Pascal es ausdrückte: „Le coeur a ses raisons que la raison ne connaît point“.

Der politische Einfluss der Kunst

Ist die Gleichung E = mc² eine künstlerische oder eine wissenschaftliche Intuition?

Ein Kunstwerk wendet sich mit seiner Aussage an das menschliche Empfindungsvermögen. Es spricht unsere Gefühle direkt an und bewegt uns. Dadurch hat es Einfluss. Wirkt es auf das öffentliche Geschehen, ist der Einfluss politisch. Wirkt es auf den Erfindergeist, auf den Forschungsdrang, kann es die Wissenschaft bewegen. Dabei kommt es nicht darauf an, was der Künstler bewirken will oder ob er überhaupt etwas erreichen will, sondern was sein Werk tatsächlich auslöst.

Nicht das Kunstwerk selber macht die kulturelle Bedeutung aus, sondern das, was es bewirkt, was es provoziert.

Der Nobelpreisträger Werner Heisenberg hat Goethe gelesen, wenn er bei einem physikalischen Problem nicht weiter kam. Archimedes hat das physikalische Gesetz des Auftriebes in seiner Badewanne erkannt. Und jede Politikerin, jeder Politiker weiss, wie er für sein berufliches Wirken durch einen Film, ein Theater oder ein Buch inspiriert wird.

Die Abwesenheit von Kunst hingegen engt unsere Perspektiven ein. Auf die Frage, weshalb Menschen gewalttätig werden, antwortete Joseph Beuys: „Weil sie in hässlichen Tapeten aufwachsen müssen.“ Ein Kriminologe oder ein vermummter Polizeibeamter würde die Frage wohl anders beantworten. Und doch ist die Antwort des Künstlers für die Menschen mindestens gleichbedeutend wie diejenige des Wissenschafters.

Die Vorstellungskraft als menschliche Triebfeder

Kunst, Wissenschaft und Politik gehen alle von einer Vision aus, wie die Welt aussehen könnte, jedoch je in einer anderen Sprache und Ausdrucksform. Die Vorstellungskraft der Menschen beherrscht alle Disziplinen, die sich um unseren Kupfertropfen kümmern, in verschiedener Schattierung und unterschiedlicher Intensität.

  • Die Kunst zeigt uns, was möglich wäre. Kunst erbringt aber nicht nur der Künstler im engeren Sinne. Auch Politiker, auch Wissenschafter haben künstlerische Visionen, die sie mitunter auch künstlerisch ausdrücken.
  • Die Wissenschaft zeigt, was möglich ist. Doch auch bei ihr: Die Antithesen stellen auch die Künstler und Politiker auf. Auch sie beteiligen sich am wissenschaftlichen Diskurs, denn die Wissenschaft muss demokratischen, aus ihrer Optik vielleicht „dummen“ Fragen eine Antwort geben können.
  • Ausgangspunkt der Politik ist die Idee darüber, was im öffentlichen Interesse sei - wie etwa der berühmte Traum von Martin Luther King.
    Diese Politik der Gesinnung und der Überzeugung ist vielleicht weniger diejenige von Parlamentariern oder Parteipräsidenten, sondern eher von Schriftstellern oder Philosophen, die das politische Geschehen ebenfalls bestimmen und in diesem Sinne auch Politiker sind. Es ist eine Politik der Vorstellungskraft, die Empfindungen anspricht, die Gefühle weckt, die vielleicht bereits in den Angesprochenen schlummerten, die sie aber selber nicht formulieren konnten.

 

Alle Visionen – ob politische, wissenschaftliche oder künstlerische - sprechen Menschen an, lassen sie weiterfühlen, weiterdenken, wecken bei ihnen wieder Visionen – nicht notwendigerweise dieselben, die wir selber ursprünglich gehabt hatten.

 

Gemeinsam unter einem Dach

Eine gute Regierung kann Böses anrichten und umgekehrt. Mephisto bedauerte sich als die Kraft, die stets das Böse will und stets das Gute schafft. Ein Kunstwerk kann das Gegenteil von dem bewirken, das der Urheber beabsichtigte. Eine wissenschaftliche Erkenntnis kann ganz anders gebraucht werden, als sich das der Forscher vorstellte.

Dies ist ein weiterer Grund dafür, dass sich die drei Disziplinen zwar ihrer Eigenständigkeit und ihrer jeweiligen Verantwortung bewusst sein müssen und sie wahrnehmen, dass sie sich aber ebenso in gemeinsamer Verantwortung für das Gemeinwohl austauschen müssen, so wie das der Idee der Universitas entspricht.

Wenn wir unsere jeweiligen Visionen verwirklichen wollen, sind wir auf den ständigen Dialog miteinander angewiesen. Deswegen haben wir uns aus drei Disziplinen gemeinsam unter dem riesigen Kupferdach des KKL gefunden.

Ich danke Ihnen dafür, dass Sie dies organisiert haben.

Und die Kupfertropfen?

Wie erging es übrigens den weiteren wissenschaftlichen Untersuchungen über die Wirkung der Kupfertropfen im See? Auch die Kupfertropfen lösten etwas aus:

Die bekannte Physikerin und leidenschaftliche Violonistin Anne-Sophie Cuivre (immer wieder hier im KKL aufgetreten), entwickelte – angeregt durch die politische und wissenschaftliche Polemik und das Kupfer im Vierwaldstättersee - in nächtelanger Forschung die berühmte Formel:

cu x √KKL = (Þ ð n s)²

In Worten: Kupfer mal Wurzel KKL gleich hä-pi-ness im Quadrat. Die Wissenschafter aller Welt, die Medien und die Politik wurden auf die Formel, welche Glück durch Einnahme von Kupfertropfen versprach, aufmerksam und glaubten sofort an sie. Zwar gab es Kritiker, die darauf hinwiesen, die Glückssteigerung durch Kupfer im Wasser sei wissenschaftlich nicht zu beweisen. Sie durften im Zischtigsclub auftreten, aber das verhinderte den Siegeszug der Formel rund um die Welt nicht. Überall entstanden Bäder mit Kupfer, in welche die Massen strömen und die Menschen badend ihr Glück tankten.

Für Frau Prof. Dr. hc (n+1) Cuivre wurde direkt neben dem KKL ein Denkmal aus reinem Kupfer gebaut. Wie die Freiheitsstatue in New York blickt sie auf den Vierwaldstättersee. Aus ihrem linken Auge tropft jede Minute eine grosse Kupferträne in den See und alle, welche von einer Träne berührt werden, leben glücklich bis an ihr Lebensende.