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DIe Geschichte vom jurassischen Wassertröpfchen

14.06. - Preisverleihung zum Wettbewerb „Jouets d’eau“ im Internationalen Jahr des Wassers

Es war einmal ein Wassertröpfchen. Im Himmel über der Ajoie war es zu Hause. Es war ein jurassisches Wassertröpfchen und also ein sehr freiheitsliebendes Wassertröpfchen, und so liess es sich eines Tages vom Wind mitziehen. Es segelte von seiner Geburtswolke weg und über Alle bis in die Gegend von Courgenay.

Dort liess es sich zur Erde fallen. Dabei sah es zum ersten Mal in seinem Leben einen Menschen. Es war ein Mädchen, das durch den Regen hüpfte. Das Wassertröpfchen warf sich dem Mädchen entgegen, wollte es berühren, seine Wangen streicheln, freute sich, doch da spannte sich plötzlich ein Regenschirm über das Mädchen auf. Ein Erwachsener glaubte, sich und das Kind vor den vielen Regentropfen schützen zu müssen.

Und so prallte das Regentröpfchen brutal auf den Plastik des Schirms, rollte verärgert über dessen Rand und fiel auf einen spitzen Grashalm. So schnell es konnte liess es sich den Halm hinunter gleiten, schlüpfte in eine Bodenspalte, und von da stürzte es zu seiner Überraschung nochmals in die Tiefe. Im Fallen erahnte es eine dämmrige Höhle, das Trou du Creugenat, und dort drin glitzerte ein unterirdischer See.

Millionen Tröpfchen hatten sich hier versammelt. Das Wassertröpfchen fand rasch Freunde und verbrachte mit ihnen viele Tage mit Schwatzen und Spielen, mit Gluntschen und Schwanken. Einige wanderten fort, sie bildeten zuerst gemeinsam Quellen und gelangten dann durch verschiedene Wasserhähne in die Häuser der Region. Einige alte Freunde des Tröpfchen endeten so in einem Himbeersirup, mussten Salat waschen oder gar schmutzige Füsse.

Das Wassertröpfchen blieb. Doch eines Tages grollte ein Donner, ein Sturm brach los, in der Höhle entstand ein gewaltiger Tumult. Plötzlich tauchte eine Horde von hakennasigen Hexen auf, die Tschnâtches vom Trou du Creugenat. Das Wassertröpfchen hatte schon oft von ihnen gehört, gesehen hatte es sie aber noch nie. Die Hexen schnellten aus einem finsteren Winkel hervor und knüppelten mit ihren mächtigen Besen auf die Tröpfchen ein. Zu Tode erschrocken floh das Wassertröpfchen. Hätte es Beine gehabt, es hätte sie unter die Arme genommen.

Es schoss aus der Höhle, raste zusammen mit Tausenden von anderen Tropfen in einem Sturzbach ins Flüsschen Allaine.

Dort konnten sie sich beruhigen. Langsam liess die Strömung nach, das Wassertröpfchen schaukelte friedlich flussabwärts.

An einem schönen Nachmittag, als es gerade sanft über die schimmernden Schuppen einer Forelle glitt, wurde diese plötzlich von einer Angel aus dem Wasser gerissen. Das Wassertröpfchen klammerte sich an die Forelle, bis es mit dem Fischlein in den Spülstein eines Restaurants in Boncourt geworfen wurde. In diesem Restaurant wurde gerade ein Bankett zu Ehren der berühmten Basketball-Champions des Dorfes vorbereitet.

„Arme Forelle“, sagte das Wassertröpfchen zum Fisch, „jetzt wirst du geopfert. Aber sei nicht traurig: es ist ja für einen guten Zweck.“ (Im Namen des Wassertröpfchen und des Bundesrates: Bravo der Equipe von Boncourt!)

Ein Wasserstrahl ergoss sich über die Forelle, das Wassertröpfchen musste loslassen, wirbelte im Siphon im Kreis, dann durch lange Röhren und viele Filter, bis in einen Wasserhahn, der sich in einem anderen Haus befand. Von dort fiel das Tröpfchen auf eine dicke, weissliche Paste, die nach Menthol roch: Zahnpasta. Auf einer Zahnbürste. Die Zahnbürste war orange. Drei Buchstaben prangten auf ihrem Stil: CVP. Das Wassertröpfchen wusste nicht, wie ihm geschah, es wurde gegen grosse Zähne gedrückt, gleich darauf nach rechts geschleudert, dann nach links, dann schon wieder nach rechts und nochmals nach links. Von so vielen Richtungswechseln wurde dem Tröpfchen ganz flau, und es war sehr erleichtert, als es endlich ins Lavabo gespuckt wurde.

Später kam es - sorgfältig gereinigt - wieder in der Allaine an. Einige sanfte Windungen später vereinigte sich das Flüsschen mit dem Doubs. Das Tröpfchen reiste mit ihm durch den Jura nach Frankreich, floss in die Saône, mit ihr weiter bis ins Stadtzentrum von Lyon, dort schloss es sich der Rhone an.

Doch das Leben ist kein langer, ruhiger Fluss. Das Tröpfchen war ja ein jurassisches Wassertröpfchen und also ein politisch bewusstes Wassertröpfchen. Es hatte vom G8-Treffen in Evian gehört und wusste, dass die Grossen dieser Welt dort über das Wasser diskutieren wollten. Kurz und gut, das Tröpfchen beschloss, hinzugehen. Es löste sich in Dunst auf und segelte in Richtung Genfersee.

Doch kurz vor Evian sah es unter sich einen riesigen Wasserwerfer, weit geöffnet und leer. Der Kanton Genf und die Eidgenossenschaft hatten sich nicht einigen können, wer das Wasser bezahlen solle, und so hatten ihn die Polizisten geöffnet und hofften auf Regen, der ihn füllen sollte. „Los, fallen!“, befahlen sie himmelwärts. Obwohl in Genf sprachen sie merkwürdigerweise alle hochdeutsch. Doch das Wassertröpfchen war ein jurassisches Wassertröpfchen, also liebte es die Meinungsfreiheit, und darum weigerte es sich, in den Wasserwerfer zu fallen. Es wollte nicht auf Demonstranten gespritzt werden, selbst wenn es mit ihnen nicht immer einverstanden war. „Demonstrieren ist schon recht“, dachte es; „aber Schaufenster einschlagen und Läden ausrauben muss man ja deswegen nicht“.

Und so setzte das Tröpfchen seine Reise fort und zog Richtung Evian.

Die Grossen dieser Welt bekam es aber nie zu Gesicht. Männer in hellblauen Arbeitskitteln fingen es ein und füllten es zusammen mit anderen Tropfen in eine Flasche. Das Tröpfchen war schrecklich beunruhigt: „Weshalb sperren sie uns ein?“, fragte es seine Leidensgenossen. Einer von ihnen erklärte es ihm: „Die Männer verschliessen die Flasche mit einem Deckel, kleben eine Etikette darauf und verkaufen sie dann im Supermarkt.“ „Mich verkaufen? Mich? Nie im Leben!“, rief das jurassische Tröpfchen. „Ich bin doch keine Ware, ich bin ein Wassertropfen. Ich gehöre allen. Wenn man mich privatisiert, haben einige wenige etwas Gutes zu trinken aber andere können mich nicht bezahlen und haben Durst. - Und überhaupt, wem gehöre ich, wenn ich erst einmal in einer Flasche bin? Das weiss ich ja nie. Bin ich in einer Flasche von Valser, gehöre ich nicht Valser, sondern Coca Cola. Bin ich in einer Flasche von Perrier, gehöre ich nicht Perrier, sondern Nestlé. Bin ich in einer Flasche von Evian, gehöre ich den G8. Und wem gehören die G8? Vielleicht Pascal Couchepin?“

Das leuchtet den anderen Tröpfchen ein, und so organisierten sie gemeinsam einen Aufstand. Sie schaukelten hin und her, bis die Flasche zu Boden fiel und zerbrach. Sie flüchteten in Richtung See.

Müde, aber froh, wieder frei zu sein, liess sich das Tröpfchen von Genf weg treiben, der Stadt der Vereinigten Nationen, welche die Probleme des Wassers auf der Welt nicht hatte verwässern wollen und darum in diesem Jahr 2003 alle Wassertropfen der Welt feierte.

Es folgte dem Lauf der Rhone und reiste in den Süden.

Das Wassertröpfchen freute sich wie verrückt auf das Meer und auf dessen salzigen Geschmack, von dem die anderen so viel erzählt hatten. Auf der „Route du Soleil“ überholte es die anderen Tropfen links und rechts, um als erstes anzukommen. Dabei kümmerte es sich nicht im Geringsten um die Geschwindigkeitsvorschriften, die für Wassertröpfchen in der Schweiz gelten würden.

Aber das lohnte sich. Als es endlich ins Mittelmeer floss, war das Wasser so wunderbar warm, dass es beschloss, gleich den ganzen Sommer über zu bleiben.

Es entdeckte fantastische Orte und unglaublich schöne Inseln, es war eine Pracht. Aber manchmal war das Tröpfchen traurig: Diese Gebiete drohten, eines nach dem andern, im Wasser zu versinken. Denn die vielen Abgase aus Autos und Schornsteinen erwärmten die Luft, brachten Gletscher zum Schmelzen und die Meeresspiegel zum Steigen. „Warum fahren alle Auto? Ich, zum Beispiel, habe ja nicht mal ein Moped“, dachte das Tröpfchen.

Die Fische im Meer waren bunt gemustert und so schön, wie es nie zuvor Fische gesehen hatte. Das tröstete es ein bisschen. Doch an einigen Stellen hatte das Wasser einen eigenartigen Geschmack. Und es gab dort keinen einzigen Fisch und die Vögel waren sehr krank: Alle ihre Federn waren verklebt und voller Erdöl, das aus alten, undichten Frachtschiffen floss. „So eine Schweinerei!“, schimpfte das Tröpfchen. „Die sollen endlich mal sichere Schiffe bauen. Und diejenigen, die solche Lotterkähne versichern, sollten sich schämen!“

Aber lassen wir das, das Tröpfchen hatte ja noch viel vor. Es verwandelte sich in ein Wölkchen und liess sich über das Mittelmeer bis an die Küste Afrikas treiben. Dort sah es Hütten mit Wellblechdächern und Frauen und Männer in langen Kleidern, die stundenlang unterwegs waren auf der Suche nach Wasser. „Ist das nicht ungerecht?“, dachte das Tröpfchen. „Da gibt es Gegenden wie bei mir zu Hause, da gibt es viel zu viel Wasser. In Alle hatten wir vor zwei Wochen sogar eine Überschwemmung. Und es gibt Gegenden, da hat es gar keines. Die Leute dursten und streiten, ja, sie führen Kriege, um Wasser trinken zu können.“ Unser Wassertröpfchen nahm die Form einer Träne an und liess sich auf die ausgedörrte Erde fallen.

Sofort wurde es vom Boden verschluckt und auf den Grund eines Ziehbrunnens gesogen.

Eines frühen Morgens, es war noch dunkel, spürte es, wie es in einem Eimer nach oben gezogen wurde. Um den Brunnen herum fand eine Art religiöses Ritual statt. Ganz sorgfältig wurden die Wassertropfen verteilt. Kein einziger Tropfen ging verloren. Zuerst wurden die Kamele getränkt. Dann bekamen die Schafe und die Ziegen zu trinken. Dann waren die Männer an der Reihe, schliesslich die Frauen und die Kinder. Mit den ersten Sonnenstrahlen tupften sich die Männer ein paar Tropfen ins Gesicht, dann beteten sie. Das jurassische Tröpfchen aus dem Jura war eines davon. Noch nie in seinem Leben hatte er sich so wertvoll, so kostbar gefühlt.

Als die Männer wieder aufstanden, fiel das Tröpfchen in den Sand. Gemächlichen zog die Karawane in die Wüste davon.

Das Tröpfchen schaute ihr nach, doch die Hitze wurde sehr rasch unerträglich. Es erstickte fast und - was die Sache noch schlimmer machte - es fühlte sich sehr einsam: weit und breit kein anderer Wassertropfen. Und, ehrlich gesagt, hatte es auch Heimweh. Es träumte von den kühlen Höhlen im Jura, von den Gänseblümchen auf den grünen Wiesen. Es träumte so stark, dass es gar nicht merkte, wie es erneut ins Blau des Himmels verdunstete.

Als es wieder zu sich kam, war unter ihm die Erde sattgrün, die Hügel voller Wälder und mitten durch ein Dorf schlängelte sich ein Flüsschen. Der Himmel hatte seinen Wunsch erhört, das Tröpfchen war wieder zu Hause - genau über Alle. Als ein Blitz die Landschaft durchzuckte und das Wassertröpfchen aus seiner Wolke stieg, musste es weinen, aber diesmal vor Freude.

Es war ein jurassisches Wassertröpfchen und also ein sehr leidenschaftliches Wassertröpfchen, und so verliebte es sich sofort in das allererste Tröpfchen, das ihm in seiner Heimat begegnete.

Die Sonne schien und gleichzeitig regnete es. Seine neue Freundin zog das Tröpfchen mit in einen majestätischen Regenbogen, der sich in Alle in den Himmel erhob, sich weit ausstreckte und sich fernen Kontinenten zuneigte.

Traum oder Wirklichkeit? Das Tröpfchen ging auf in einem riesigen bunten Reigen mit vielen farbigen Streifen, wie Millionen kleiner Friedensfahnen, die sich aneinanderreihten. Und das Wassertröpfchen wusste: „Ich gehöre zum Jura, ich gehöre zur ganzen Welt. In den Farben des Regenbogens, dieser riesigen Friedenfahne stehe ich dafür, dass es diesen Frieden irgendeinmal, irgendwann für alle geben wird.“

Und jedes Mal, wenn wir einen Regenbogen sehen und ganz genau hinsehen, sehen wir in der Mitte, zu aller oberst, inmitten aller Farben das jurassische Wassertröpfchen. Es blinzelt uns vom Himmel herab zu und sagt: „Ich gehöre zum Jura. Ich gehöre zur Welt.“