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Tag der Kranken

Ansprache, Basel, 4. März 2001

Zum heutigen “Tag der Kranken” meldet sich bei mir aus ferner Vergangenheit die letzte Strophe des Liedes “Der Mond ist aufgegangen”:

“So legt Euch denn, ihr Brüder,

in Gottes Namen nieder;

kalt ist der Abendhauch.

Verschon uns, Gott, mit Strafen

und lass uns ruhig schlafen

und unsern kranken Nachbarn auch.”

Diese Worte von “den Brüdern” und “dem kranken Nachbarn” gingen mir nie aus dem Sinn und sie beschäftigen mich noch heute.

Vor über vierzig Jahren habe ich eine sehr lange Zeit im Kinderspital in Basel verbracht. Vorher war ich kerngesund, trainierte viel und glaubte an eine Karriere als Leichtathlet. Doch von einem Tag auf den andern ereilte mich eine Knochenmark-entzündung. Ich habe viele Monate in diesem Spital verbracht, war völlig unbeweglich, hatte Schmerzen und konnte während vielen Nächten keinen Schlaf finden.

An diesen plötzlichen Wechsel von Aufbruchstimmung zu Unbeweglichkeit, von Hoffnung zu Verzweiflung, von Gesundheit zu Krankheit muss ich immer wieder denken.

Wir leben in einer Zeit des Körperkultes. Gesundheit, Kraft, Schönheit sind ihre Ideale, und Fitness- und Krafttrainingszentren sind die Tempel von heute. Ja, es ist schön, gesund zu sein, und es ist gut, in die Gesundheit zu investieren. Wer an sich selber, in seiner Familie oder Nachbarschaft Kranksein miterlebt hat, weiss um den Wert der Gesundheit. Er weiss aber auch, dass Krankheit uns jederzeit ans Bett fesseln kann. Vergessen wir darum diejenigen nicht, die um ihre Gesundheit kämpfen müssen, die Angst haben, die geplagt werden von Schmerzen und von Schlaflosigkeit, diesem qualvollen Bangen zwischen den Glockenschlägen.

“Der Mond ist aufgegangen” ist ein Kirchenlied, aber auch ein politisches Gedicht. Matthias Claudius schrieb es in der Zeit der Aufklärung, als sich die Demokratien durchsetzten gegen herrschaftliche Systeme mit Königen und Untertanen. “Die Brüder” bedeuten fraternité. Zusammen mit égalité und solidarité zentrale Werte jener Epoche, welche Demokratie nicht nur als eine Staatsform begriff sondern als ein Ideal, wie wir Menschen Verantwortung füreinander übernehmen sollen. Die Aufgaben und Pflichten in einem Staat werden von allen wahrgenommen und nicht einfach der Obrigkeit überlassen.

Daran wollen wir heute denken, die wir stolz auf unsere Demokratie sind. Wir können die Verantwortung für die Kranken nicht einfach den Behörden, den Kassen, den Ärzten und Pflegenden abgeben. Gesundheitspolitik darf sich nicht auf das Bereitstellen von Spitalbetten, auf die Diskussion um Krankenkassenprämien und Medikamentenpreise beschränken. Sie besteht auch aus Anteilnahme, aus Einsatz und aus Hilfe.

Solche Verantwortung von Mensch zu Mensch wird täglich überall wahrgenommen. Kinder begleiten ihre Eltern und Grosseltern beim Spaziergang. Nachbarn helfen sich beim Einkauf. Es gibt Brieffreundschaften zwischen Gesunden und Kranken. Mit einem einfachen Telefonanruf helfen wir einem einsamen Menschen. Und vergessen wir nicht die vielen Freiwilligen, welche in ihrer Freizeit kranke Mitmenschen betreuen.

Verantwortung zu übernehmen, ist keine Last. Für jemanden sorgen zu können, gibt auch unserem eigenen Leben einen Sinn, der weit über die Freude am starken und gesunden Körper hinausgeht.

Als ich damals vor vierzig Jahren im Spital ans Bett gefesselt war, waren Besuche von Geschwistern noch nicht erlaubt. Deshalb kamen meine Brüder und meine Schwester regelmässig zu einem Bänkchen und winkten mir von weitem. Dieses Winken war für mich genau so wichtig wie die Medikamente.

So möchte ich allen, die krank sind - zu Hause, in einem Spital oder in einem Heim - versichern: Wir alle in der Schweiz, wollen an Euch denken, nicht nur heute.