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1. Januar 2000

Rede im Berner Münster, Bern

1. 2000 n. Chr.

Wir schauen am heutigen symbolischen Datum auf 2000 Jahre Christentum zurück.

Vor 2000 Jahren wurde die Bergpredigt gehalten. Wir haben ihre Ideale nicht erreicht. Es gab stets Kreuzigungen, Folter, Kriege, die grausamsten in diesem Jahrhundert. Im Museum des Roten Kreuzes in Genf sind - eindrücklich und bedrückend - die Kriege auf dieser Erde pro Kalenderjahr mit all ihren Toten aufgeführt. Jedes Jahr hat seine Nische, auch das Jahr 2000: Die Nischen für die kommenden Jahre sind bereits gebaut.

Müssen wir nach 2000 Jahren resignieren und den Glauben an eine friedfertige Welt aufgeben?

Wir leben in einer Realität, in welcher Sätze wie „Liebe Deine Feinde!“ oder „Wenn Dich einer auf die rechte Wange schlägt, so halte ihm die linke dar!“ als „weltfremd“ erscheinen. Gibt es Menschen, die sich tatsächlich so verhalten wollen und können? Im Alltag, in der Familie, im Beruf, in der Politik? Können diese Sätze gar für den Staat gelten, wie er sich gegenüber der Mafia verhalten soll? Oder für die Staatengemeinschaft gegenüber Milosevic oder den Mördern in Osttimor? Das widerspräche ja gerade dem Ziel der Bergpredigt, nämlich einer friedlichen Gesellschaft. Wie waren auch wir hin- und hergerissen, als sich unsere Nachbarn in Abwägung solch innerer Konflikte zu einer Intervention im Kosovo entschieden.

Es ist offensichtlich:

Weder können wir im privaten Leben vor der Bergpredigt bestehen, noch ist sie ein Manifest, das wir politisch umsetzen könnten.

 

2. Bergpredigt heute

Aber stellen wir die Gegenfrage: Ist denn eine Politik ohne Bergpredigt denkbar und verantwortbar?

Für unser Leben, für unser Handeln brauchen wir ein Orientierungsziel. Ohne ein solches würden wir uns treiben lassen, durch Mode, durch Umfragen, durch den täglich geschürten Skandalmarkt. Das wäre ziel- und damit verantwortungslos.

Fragen wir uns also: Welche Schweiz und welche Welt wollen wir?

2.1 Eine friedliche und gerechte Gesellschaft als Ziel

Die Schweiz fusst - nicht nur - aber wesentlich auf der christlichen Kultur. Unsere neue Bundesverfassung tritt heute in Kraft. Sie beginnt mit: „Im Namen Gottes des Allmächtigen“.

Und sie fährt fort:

„Alle Menschen sind vor dem Gesetz gleich“ und „Die Schweiz setzt sich für eine friedliche und gerechte internationale Ordnung ein“: Wir wollen Gerechtigkeit. Wir wollen eine Welt ohne Krieg.

2.2 Die Verpflichtung zu handeln

Solche Grundsätze und Bekenntnisse allein reichen nicht. Sie müssen umgesetzt werden. Wir müssen uns dazu engagieren, wir müssen uns einbringen. Der Verzicht auf Verantwortung will unsere Demokratie nicht zulassen, denn wer nicht handelt, der lässt sich bloss behandeln und kann seinem Mitmenschen kein „Nächster“ sein. So fordert auch die neue Bundesverfassung: „Jede Person nimmt Verantwortung für sich selber wahr und trägt nach ihren Kräften zur Bewältigung der Aufgaben in Staat und Gesellschaft bei.“ Gemeint ist nicht bloss wählen und abstimmen. Es geht um Einsatz überhaupt, in Kultur, in Sozialarbeit, Vereinen, der Feuerwehr.

Was für die Menschen in der Schweiz gilt, gilt für die Schweiz in der Welt:

Es leben über sechs Milliarden Menschen auf diesem Planeten. Die Bevölkerung der Schweiz beträgt davon gerade ein Promille. Doch auch als dieses eine Promille haben wir eine Verpflichtung für die ganze Welt!

2.3 Wie handeln?

2.3.1 Nach welchen Grundsätzen sollen wir handeln?

Es gibt keine bequemen Anweisungen, wie wir im Einzelfall handeln sollen, schon gar nicht helfen uns dabei Ausdrücke wie „christlich“, „sozialistisch“ oder „liberal“, denn im Namen all dieser Bekenntnisse sind schon Kriege geführt worden, auf dem Schlachtfeld oder an Börsen und anderen Handelsplätzen. Und auch die Freiheit als solche ist noch kein Ziel, denn sie bleibt ohne Inhalt eine Botschaft der Beliebigkeit.

Unsere Aufgabe ist vielmehr, das Ziel unserer Freiheit zu bestimmen und uns darauf zu verpflichten, sowohl im Privatleben als auch in der Politik.

Nichts entbindet uns davon, unser Handeln in jedem einzelnen Fall im Hinblick auf das Ziel zu überprüfen und dazu unser Gewissen zu Rate zu ziehen. Dabei genügt es nicht, auf die „innere Stimme“ zu hören. Es gibt auch „äussere Stimmen“ oder Bedingungen zu berücksichtigen.

2.3.2 Wie setzen wir unseren Willen um?

Wir leben in einer Welt, die in Konflikte verstrickt ist. Wir leben in Machtstrukturen und Interessengegensätzen, denen wir nicht entrinnen können. Die Vision einer friedlichen und gerechten Gesellschaft muss erstritten, notfalls auch erkämpft werden. Das kann Gewalt bedeuten, doch müssen zuerst Kompromisse gesucht werden. Der Kompromiss ist ein Element der Demokratie, die Andersdenkende integrieren will. Dass mehrere Schritte, ja Umwege gemacht werden müssen, um das Ziel zu erreichen, ist ein Kompromiss mit der menschlichen Realität.

3. Auszug aus dem schweizerischen Pflichtenheft

3.1 Strassenverkehr

Unsere Verfassung garantiert das Recht auf Leben. Doch allein der Strassenverkehr fordert jährlich 600 Tote. Im Namen unserer Mobilität drohen wir, dies zu verdrängen und damit zu akzeptieren. Unser Ziel muss aber, wenn wir über Alkoholpromille oder das Strassenverkehrsgesetz entscheiden, null Verkehrstote sein, selbst wenn wir wissen, dass dieses Ziel in einem einzigen Schritt nicht erreichbar ist.

3.2 Klima

Wir wollen die Erde allen ihren Bewohnerinnen und Bewohnern, den heutigen und den künftigen, als Lebensgrundlage erhalten. Das ist schnell gesagt; die tatsächliche Entwicklung läuft umgekehrt:

Als Folge der Klimaerwärmung verschwinden heute ganze Landstriche, wo die Aermsten dieser Erde leben. Wenn wir über die Absenkung von Schadstoffausstoss, über das CO2-Gesetz oder über Abgaben auf nicht erneuerbaren Energien oder die ökologische Steuerreform verhandeln, so geht es eben nicht einfach um Steuerpolitik sondern um Klimapolitik zur Bewahrung der Erde.

3.3 Flüchtlingspolitik

Noch vor 150 Jahren verliessen Schweizerinnen und Schweizer dieses Land als Wirtschaftsflüchtlinge. Die Heimatgemeinden bezahlten ihnen die Reise, um Fürsorgegelder zu sparen. Im Osten und Westen wurden die schweizerischen Flüchtlinge aufgenommen. Uebertragen wir den Zeitraum von 2000 Jahren auf einen Tag von 24 Stunden! Weniger als eine halbe Stunde ist das her! Und heute, eine halbe Stunde später: Wie verhalten wir uns heute und jetzt gegenüber den Flüchtlingen, die zu uns kommen? Tun wir diesen Menschen immer das, was wir von anderen Menschen wollen, dass sie es uns tun?

3.4 UNO

Wenn wir über die Aufnahme oder die Rückschiebung von Flüchtlingen entscheiden, so vergessen wir nicht das wirkliche Ziel: Es darf keine Flüchtlinge geben in dieser Welt. Effizient kann sich nur die Staatengemeinschaft gegen Krieg und Hunger und für die Menschenrechte in der Welt einsetzen. Die UNO hat vieles geleistet und manches verhindert. Es gelingt ihr nicht alles und einiges zu spät. Aber wo stünden wir ohne ihr Engagement? Welchen vernünftigen Grund gibt es, der UNO nicht beizutreten?

3.5 Integration

Wir tun uns schwer, junge Ausländerinnen und Ausländer der zweiten Generation einzubeziehen, obwohl sie seit Geburt zu uns gehören. Es gibt Kranke, denen versagen wir das Mitleid, weil wir die Krankheit, Aids z.B., als selbstverschuldet anprangern. Warum bringen wir gegenüber Süchtigen, die sich von ihrer Sucht befreien wollen, nicht das selbe Verständnis auf wie für andere Kranke? Wie wurde doch auf dem Berg vor 2000 Jahren gepredigt? „Richtet nicht, damit Ihr nicht gerichtet werdet.“

Ist selber schuld, wer arbeitslos ist? Eine OECD-Studie zeigte: Im Vergleich zu Kanada leistet die Schweiz an Arbeitslose grosse finanzielle Sozialhilfe. Aber die tatkräftige Wiedereingliederung in den Arbeitsprozess vernachlässigen wir. Manchmal macht es den Anschein, Sozialpolitik bestünde in Expertisen, Berechnungen und Prognosen. Soziale Integration erledigt sich nicht mit Geld. Beschränkt sie sich darauf, wird die Würde der Betroffenen verletzt und der soziale Zusammenhalt geschwächt. Wir können nicht alles an den perfekt organisierten Staat delegieren. Wir wollen ja Geborgenheit, Wärme und Mitgefühl. Das können wir nur geben, wenn wir Mitmenschen sind.

Wir wollen in diesem Sinn all jener gedenken, die wegen der Naturkatastrophen dieser Woche Angehörige verloren haben oder um den Schutz bangen, den die zerstörten Wälder nicht mehr bieten können.

3.6 Demokratische Kultur

Die Demokratie lebt von Auseinandersetzungen zwischen politisch verschiedenen Auffassungen. Ein politischer Inhalt ist auch, wie wir miteinander umgehen. Es gibt politische Gegner. Politische Feinde jedoch darf es nicht geben! Auch der Gegner hat ein Recht auf seinen Standpunkt. Wenn wir versuchen, den Andersdenkenden zu verstehen, dann z.B. sehen, dass er Angst hat, ihn dabei ernst nehmen und ihm helfen, dann entdecken wir die praktische Bedeutung der Aufforderung, die ja noch viel weiter geht: „Liebet Eure Feinde!“

4. Die Bergpredigt kann Wirklichkeit werden

Wir haben ja auch vieles erreicht.

  • Es besteht die Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen. Wie viele Menschen wollen für andere sorgen! Viele engagieren sich freiwillig in der Sozialarbeit oder für Katastrophenhilfe!

Gerade heute stellen wir dankbar und dankend fest, was nach Orkan und Lawinen in unserem Land an Aufräum- und Wiederherstellungsarbeiten geleistet wird.

  • Die Menschenrechte haben grosse Fortschritte erfahren. Folter und Todesstrafe sind abgeschafft. Weltweit liegt noch eine grosse Aufgabe vor uns, aber viele Länder liefern den Beweis, dass die Menschenrechte möglich sind.
  • Wir kennen ein Strafrecht, das die Praxis: „Auge um Auge, Zahn um Zahn“ überwunden hat.
  • Friede in Europa ist jetzt möglich und ich glaube daran, dass er uns gelingt.

Darin liegt die Bedeutung der Bergpredigt: Sie ständig vor Augen zu haben, sie anzustreben als das Ersehnte, das noch nicht Wirklichkeit ist, das aber Wirklichkeit werden kann, wenn wir es nur wollen, als einen Traum, den Martin Luther King träumte, den wir weiterträumen, den Traum einer Welt ohne Krieg, ohne Flucht, ohne Hunger, ohne Häme und Missgunst, einer Welt in der sich alle einbringen wollen für Frieden und Gerechtigkeit.

In einer Heimat zu leben, die es uns ermöglicht, an die Ziele der Bergpredigt zu glauben, ist Hoffnung und Verpflichtung zugleich. Dass wir diesen Traum bisher nicht erreichten, ist daher nicht unsere Resignation, sondern unser Ansporn.