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Einmal König, einmal Bettler

Bundesratswahlfeier am 27. Oktober 1995 in Rohrbach (BE), dem Bürgerort von Bundesrat Moritz Leuenberger

Sehr geehrter Herr Präsident der Burgergemeinde,
sehr geehrter Herr Gemeindepräsident,
sehr geehrte Frau Regierungsrätin,
sehr geehrter Herr Regierungsrat,
liebe Rohrbacherinnen und Rohrbacher,
liebe Verwandte,
liebe Gäste und Freunde,
die Ihr aus näherer und weiterer Umgebung hierher gekommen seid.

Ich bin ja, bevor ich gewählt wurde, als städtischer Kandidat angepriesen worden. Man hat gesagt, es brauche endlich einen urbanen Typ in diesem Bundesrat und darum ist es jetzt besonders bemerkenswert, dass ich als typischer Städter in diesem Dorf so ausserordentlich herzlich, warm und lieb von Ihnen allen empfangen werde, auch vom Sennenhund, der mir die Pfote schüttelte. Aber vielleicht ist dies ja typisch für das Verhältnis zwischen Stadt und Land. Zwar sind wir Städter und Städterinnen stolz auf unsere Stadt, aber wenn wir uns jemandem vorstellen, nennen wir im zweiten Satz auch gleich ebenso stolz die ursprüngliche Herkunft. Ich habe das in Zürich oft erlebt, wo es sehr viele Heimatvereine gibt, aus dem Kanton Bern, aus dem Oberaargau, Heimatvereine, die ihre Traditionen und Wurzeln in den Städten heute noch pflegen. Denn damals, als die Abwanderung aus den ländlichen Gegenden in die grossen Städte begonnen hatte, bedeutete dies ein eigentliches Auswandern. Man konnte nicht einfach so über das Wochenende nach Hause fahren, wie das heute meistens möglich ist. Die Verwurzelung, die wir daheim, also am Bürgerort haben, führt dazu, dass wir uns interessieren, woher wir kommen. Auch ich habe mich immer für Rohrbach interessiert. Ich bin mit meinem Vater, meiner Mutter und meinem älteren Sohn heimlich hierher nach Rohrbach gefahren, wir sind um die Kirche gegangen, wir sind in diese hineingeschlichen, obschon wir nicht recht wussten, ob man das eigentlich darf. Wir sind im Dorf herumspaziert und haben uns auch gegenseitig fotografiert, wie wir unter dem Ortsschild von Rohrbach gestanden sind.
Ich kann mich auch gut erinnern, dass meine beiden Brüder immer nach Rohrbachgraben in die Ferien fuhren - ich selber war nicht dabei, als sie beim Gottfried Zaugg und bei der Tante Rosalie waren - aber es war immer ganz komisch, als die Brüder aus Rohrbachgraben zurückgekehrt sind: Es war nichts mehr in Ordnung daheim. Die Milch daheim fanden sie grauenhaft - die einzig wahre Milch kriege man nur in Rohrbachgraben. Der Käse daheim sei ebenfalls furchtbar, der reinste Gummi. Der wahrhafte Käse sei Emmentaler aus Rohrbach. Was besonders schlimm war, war dass sie gelernt haben, dass man zum z'Vieri Kaffee trinken dürfe und das wollten sie zuhause natürlich auch immer so haben. Das wichtigste war aber, dass sie unbedingt Bauern werden wollten. Also wollte ich auch Bauer werden. Ich war zwar meist nicht hier in Rohrbach in den Ferien sondern in Utzigen. Doch wie Sie bereits feststellen konnten, gelang mir dieser Wunsch, Bauer zu werden, nicht, so dass ich jetzt eine Stelle in Bern annehmen muss.

Das Interesse an unseren Wurzeln bringt es mit sich, dass wir uns, so gut es geht, über den Heimatort informieren aus Büchern oder Zeitungen. Und ich will Euch gestehen, dass es mir gefällt, aus diesem Ort zu stammen, der als erste Siedlung des Kantons Bern in Dokumenten erwähnt worden ist. Ich bin stolz aus einem Dorf zu stammen, das das 1'200-Jahr-Jubiläum feiern kann und dies erst noch ausgerechnet im dem Jahr, wo ich hier empfangen werde.

Ich habe gelesen, dass Rohrbach, als es noch unter der Herrschaft des Klosters St. Gallen stand, als eine der wenigen Gemeinden nicht nur das Messwesen selber führen sondern auch den Galgen behalten durfte. Das Rohrbacher Gerichtswesen verfügte also über einen Galgen. Ich als Justizdirektor des Kantons Zürich habe nie so viel Macht ausüben dürfen. Nun macht mir dieser Rohrbacher Galgen auch etwas Angst, denn mindestens seinen Hügel gibt's ja noch und da ist notfalls schnell wieder ein Galgen hingezimmert, wenn ich die Bahn 2000 nicht so durch den Muniberg führe, wie Ihr das wollt. Und ich weiss noch gar nicht, wie dieser Entscheid herauskommt.

Es schien mir auch, dass die Veränderungen über die Jahrzehnte hier in Rohrbach ein Musterbeispiel für Veränderungen in der ganzen Schweiz gelten. Der engere Dorfkern von Rohrbach war ja rein genossenschaftlich gewesen. Als durch die Zuwanderung die Bevölkerungsentwicklung eingesetzt hatte, hat dies zu einer Art Dreiklassengesellschaft geführt. Zu Vollbauern, dann zu Mitgliedern der zweiten Klasse (das ist nicht etwa ein klassenkämpferischer Ausdruck von mir, sondern in den Originaldokumenten ist ausdrücklich von Einwohnern zweiter Klasse die Rede). Das waren die "Kuhtaglöhner", die eine Kuh und ein Kalb überwintern konnten. Dementsprechend stand ihnen auch ein Recht auf die Mitbenutzung der Allmend zu. Die dritte Klasse waren die "minderen Taglöhner" gewesen, die kein Vieh und demzufolge auch kein Zugang zur Weide hatten.

Als Sozialdemokrat dachte ich sofort, dass meine Ahnen sicherlich in der dritten Klasse zu finden seien und das habe meine soziale Motivation geprägt. Aber ach, ich erfuhr dann, dass die einzigen drei Leuenberger, die damals hier lebten, Vollbauern gewesen waren.

Die Geschichte von Rohrbach ist wohl auch typisch für das Verhältnis von Stadt und Land, ein Verhältnis, das jetzt auch wieder politisch diskutiert wird. Der grosse Stadt/Landkonflikt von damals, als es zu kriegerischen Auseinandersetzungen kam, verbindet sich auch mit einem Leuenberger, dem Niklaus, der Bauernführer war. Auch später, im letzten Jahrhundert, waren Landgemeinden besonders arm gewesen, so arm, dass man ihren Bürgern die Auswanderung finanzierte, damit sie irgendwo eine neue Existenz aufbauten. Die Landflucht, der Alkoholismus, verbunden mit der Armut, war früher hier eine wahre Tragödie. Heute beobachten wir genau das Gegenteil, es sind die grossen Städte, die unter schwerwiegenden Finanzproblemen leiden, dort konzentrieren sich Armut und die Probleme mit Drogenabhängigen, währendem auf dem Land die Welt noch als "in Ordnung" empfunden wird.

Dies zeigt uns, wie die Geschichte ein Auf und Ab beschreibt, wie sie ein Glücksrad ist, wie wir einmal oben und einmal unten sind, einmal König, einmal Bettler, wie ich das an einem Tor am Münster, in Basel, wo ich zur Schule gegangen bin, gesehen habe. Dies erleben wir auch im Privaten. So las ich, dass 1770 der reichste Rohrbacher, der 80'000 Pfund Vermögen besass, ein Leuenberger gewesen war. Gleichzeitig jedoch gab es noch einen anderen Leuenberger, der war Seiler, und hat den damaligen Lehrgang als Seiler nicht bestanden. Darum steht in den Akten des Staatsarchives Bern über diesen Leuenberger, er sei ein Stümper: Reich und Arm in der selben Namensfamilie, Aufstieg und Fall sind oft nahe beieinander.

Heute feiern wir ein Fest, wir befinden uns auf einem Höhepunkt, doch ich weiss, ich werde - wie alle Bundesräte bis jetzt - schon wieder runtergeholt. Und bereits nächste Woche befinde ich mich schon auf einem etwas tieferen Punkt als heute: Ich muss nämlich meine Arbeit in Bern beginnen. Da denke ich an meinen Namensvetter Niklaus Leuenberger, dem ist es ja auch nicht immer gut ergangen in Bern, vor allem am Schluss nicht. Aber wenn mir je so etwas wie ihm drohen würde, dürfte ich hierher kommen, in meinen Heimatort, denn hier bin ich Bürger. Es ist schön, diese Sicherheit zu haben.

Ich war im Gemeinderat von Zürich und hätte mich dort erleichtert einbürgern können. Ich verzichtete. Ich war als Regierungsrat Direktor des Innern des Kantons Zürich. Es wäre mir ein Leichtes gewesen, das Zürcher Bürgerrecht gratis zu erhalten. Ich verzichtete. Ich habe nur ein einziges Bürgerrecht - aber ich habe das beste, das von Rohrbach!