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Mit Tiefsinn und Spass

An den Tagen für Neue Musik in Zürich hat Moritz Leuenberger einen Auftritt als Satiriker – und Charles Ives zeigt in der 4.Sinfonie seine ganze Seelentiefe.

ROLF APP

Das Orchester hat schon angefangen, da betritt ein Herr mit Velo die Bühne der Zürcher Tonhalle. Stellt sich hinters Lesepult. Schaut abrupt nach rechts, David Zinman schaut nach links. Das Orchester schweigt, Moritz Leuenberger hat das Wort.

Für seine 1966 komponierte «Musique pour les soupers du Roi Ubu» hat Bernd Alois Zimmermann eine «korrekt angezogene Person» verlangt, die zwischen den Sätzen des aus lauter (genial kombinierten) Musikzitaten bestehenden Balletts für einen imaginären König die Zeit kommentiert.

Mit List und Lust

Moritz Leuenberger, schon als Bundesrat ein begabter Satiriker, tut es mit List und Lust. Liest Zeitungstitel vor. Schildert dem zur Brutalität neigenden König, wie er «rechtsstaatlich korrekt» Adlige umbringen kann, indem er aus dem «Konzept Wolf» des Bundes vorliest. Auch die 1:12-Initiative ist Thema: Der König zieht aus, sein Kapital folgt ihm. Nach dem Motto: «Ubi boni, ibi patria.» Das Zürcher Tonhalle-Orchester zeigt sich schon hier in bester Spiellaune, gebärdet sich mal höfisch, mal jazzig angehaucht, und steigert sich zur lustigen Kakophonie.

Zum Unendlichen hin

Dann wechselt die Stimmung. Mit einem zarten Kokon umgibt das Orchester fünf vom Bariton Matthew Morley interpretierte Lieder von Charles Ives. Dann folgt Ives' 4. Sinfonie und reisst den Himmel weit auf. Wie ein mächtiger Zug rast das Leben an uns vorbei, wild spielen Blaskapellen durcheinander. Dann aber: Eine wundervoll warme, von tiefen Streichern getragene Fuge. Und ein Schlusssatz, der in der Stille anfängt und, von einem sanften Chor begleitet, sich ins Unendliche öffnet. Ein Meisterwerk – von Komponist, Dirigent und Orchester.