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"Wir sollten uns nicht wie Schafe dem Schicksal ergeben"

Interview Beobachter, September 2011

Als Bundespräsident war Moritz Leuenberger im Schwarzen Herbst 2001 immer wieder gefordert, der Schweiz Zuversicht einzuflössen. Zehn Jahre danach glaubt er: Die damalige Krise hat das Land gestärkt.  Er warnt aber vor dem dumpfen Frust von Wutbürgern.  Interview: Markus Föhn

 

Beobachter: Moritz Leuenberger, hätten Sie sich im Herbst 2001 nicht lieber manchmal verkrochen, statt schon wieder an einem Unglücksort vor die Kameras zu stehen?
beobachter_ml1Moritz Leuenberger: Nein, überhaupt nicht. Für mich war bei allen Katastrophen jenes Herbsts von Anfang an klar, dass ich meine Rolle als Bundespräsident wahrnehmen wollte und es für das Land wichtig war, dass ich mich zu den Ereignissen äusserte. Einzig beim Brand im Gotthardtunnel fragte ich mich einen Moment, ob es wirklich nötig sei, zur Unfallstelle zu fahren. Ich dachte zunächst, ich störe dort nur. Bis ich begriff, dass dieser Gang zum Tunnel eben ein wichtiges Symbol war.

 

Welches Ereignis dieses «Schwarzen Herbst» machte Sie am meisten betroffen?
Eindeutig das Attentat in Zug. Viele der 14 ermordeten Parlamentarier hatte ich persönlich gekannt. Als ich den Ort des Verbrechens betrat, ging mir das sehr nahe.

 

In erster Linie also eine persönliche Betroffenheit?
Nein, das ging weit darüber hinaus. Ich nahm das Attentat auch als Angriff auf unsere Demokratie und ihre Institutionen wahr. Unsere Parlamente sind in Fortsetzung der Landsgemeinde offen, die Leute, die sich darin fürs Gemeinwesen einsetzen, tagen öffentlich und transparent. Diese Offenheit wurde missbraucht, um Menschen zu ermorden. Von einem Täter, der zuvor Schmähbriefe geschrieben und die sogenannte Classe Politique beschimpft hatte, bis er alle Hemmungen fallen liess und mordete. Das hatte eine politische Dimension.

 

Ist Ihnen die Erinnerung an Zug wieder hochgekommen, als Sie Ende Juli vom Attentat in Oslo erfuhren?
Natürlich. Die Parallelen zwischen Zug und Oslo sind offensichtlich. Auch in Norwegen ging ein einzelner Täter in seiner Wut und seinem Hass auf Vertreter der Politik los. Einerseits auf den sozialdemokratischen Ministerpräsidenten, andererseits auf den sozialdemokratischen Nachwuchs, den er auf jener Insel ausradieren wollte.

 

Offene Gesellschaften sind verletzlich – gerade wegen ihrer Offenheit. Können wir uns vor Ereignissen wie in Zug oder in Oslo überhaupt schützen? Oder müssen wir sagen: Leute wie den Attentäter Leibacher gibt es halt nun einmal?
Das wäre zu einfach. Natürlich, eine offene Gesellschaft ohne Verbrechen ist gar nicht denkbar. Das Böse ist im Menschen, und es gibt Menschen, bei denen dies unkontrollierbar wird. Aber es kommt darauf an, wie die Gesellschaft mit diesem Umstand umgeht: Sie darf den stets vorhandenen Hass und die Aggressionen, die bei uns allen da sind, nicht noch schüren, sondern muss ihn in die Bahnen der Vernunft lenken. Das ist die Aufgabe von uns allen.

 

Das klappt – wie man leider sieht – nicht immer.
Eine klare und direkte Ursache hinter Attentaten wie in Zug oder in Oslo gibt es selten, meistens muss man von einem Ursachendickicht sprechen. Ein Element ist der geschürte und salonfähig gemachte Hass, den gewisse Kräfte fördern.

 

An wen denken Sie dabei?
Ich habe mich schon in meiner Reaktion auf das Zuger Attentat gehütet, auf eine Partei zu zeigen. Es wäre zu billig gewesen zu sagen: Die SVP ist mitschuld. Es wäre in dieser Kurzform auch ungerecht gewesen, genau so ungerecht, wie die SVP mit ihren Verkürzungen zum Teil selber vorgeht. Ich tat es damals nicht, und ich tue es heute nicht. Aber ich sage: Wer Hass und Hemmungslosigkeit schürt, trägt letztlich eben auch Verantwortung für solche Taten.

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Welches Ereignis in jenem Herbst hat die Schweiz am nachhaltigsten verändert?
Die Attentate vom 11. September. Sie haben zwar nicht in der Schweiz stattgefunden, betrafen uns aber trotzdem, weil sie einen Angriff auf unsere liberalen Werte darstellten. In unserer Gesellschaft hat seither eine gewisse Verhärtung stattgefunden. Ich bin zum Beispiel nicht sicher, ob die Minarett-Initiative ohne 9/11 angenommen worden wäre.

 

Nach den Attentaten vom 11. September und von Zug mahnten Sie, wir dürften trotz dieser Angriffe unsere liberalen Grundwerte nicht aufgeben. Ist uns das gelungen?
Ja, ich denke schon.

 

Allerdings hätte es vor zehn Jahren kaum jemand für möglich gehalten, dass er dereinst sogar in der S-Bahn von Kameras überwacht würde.
Die Frage ist immer: Können wir die Sicherheit optimieren, ohne die liberalen Grundwerte preiszugeben? Ich persönlich sehe nicht ein, wo Videoaufnahmen die persönliche Freiheit verletzen sollten, wenn man sie abends wieder vernichtet und sie nie jemand zu Gesicht bekommt, wenn nichts passiert. Die Kameras in der S-Bahn führten zu harten ideologischen Streiten im Parlament. Ich als Verkehrsminister habe mich dafür eingesetzt. Denn wir dürfen nicht vergessen: Wenn wir dem Vandalismus und der Gewalt nicht Einhalt gebieten, schränken wir die Freiheit der Opfer ein, und zwar massiv.

 

Ende 2001 hiess es häufig, der «Schwarze Herbst» habe uns bewusst gemacht, was wirklich wichtig sei: Nicht materielle Werte, sondern Solidarität, Zusammengehörigkeitsgefühl. Was ist davon übriggeblieben?
Unmittelbar nach einem Angriff ist das Zusammengehörigkeitsgefühl immer sehr viel grösser als gewöhnlich. Nach einer gewissen Zeit flacht das wieder ab, das ist völlig natürlich. Das ist auch in der Schweiz passiert. Insofern sind wir heute vielleicht nicht solidarischer als vor dem Herbst 2001. Aber es ist auch nicht so, dass die Schweiz dabei wäre auseinanderzufallen. Der Wille, eine Nation zu sein, in der sich alle einbringen, ist eindeutig da. Er wird vielleicht nur nicht so intensiv zelebriert wie unmittelbar nach einem erschütternden Ereignis.

 

Das Attentat in Zug, der Untergang der einst stolzen Swissair, der Brand im symbolträchtigen Gotthard-Tunnel: Hat der Herbst 2001 das Selbstverständnis der Schweizerinnen und Schweizer erschüttert?
Der Herbst 2001 war hart, er hat die Gefühle von uns allen stark belastet. Ein nationales Symbol nach dem anderen ist angegriffen oder verletzt worden. Vieles, was vorher selbstverständlich schien, war in Frage gestellt. Dennoch glaube ich, dass die Diskussion um Selbstverständnis und Identität permanent läuft. Die bricht nicht erst nach Katastrophen aus. Zum Beispiel diskutieren wir seit Jahren über unser Verhältnis zur EU und erfahren gerade jetzt mit der Finanzkrise, in welchem Ausmass wir abhängig  sind von Entscheiden in der ganzen Welt.

 

In welcher Verfassung befand sich die Schweizer Volksseele denn nach dem Herbst 2001?
Eine Serie von Unglücksfällen und Verbrechen hatte Symbole angegriffen und das Land verunsichert, viele Menschen fühlten sich hilflos. Auch wenn die Häufung zufällig war. Das Grounding der Swissair und vielleicht auch das Attentat von Zug hatten entfernt etwas mit 9/11 zu tun, aber die beiden Verkehrskatastrophen gehören in die übliche Risikostatistik.

 

Nach dem Flugzeugabsturz von Bassersdorf sagten aber auch Sie: «Hört das denn nie auf?»
Bei meinen Auftritten ging es mir darum, Gefühle in Worte zu fassen, die sich in vielen Menschen regen, die sie vielleicht aber nicht ausdrücken können in dieser Orientierungslosigkeit, die sich nach solchen Ereignissen einstellt. Es brauchte solche Worte der Gefühle. Es brauchte aber auch die Analyse. Politik besteht aus Gefühl und Verstand, beides soll zum Ausdruck gebracht werden.

 

Hat die Schweiz aus heutiger Sicht gut aus der damaligen Krise gefunden?
Ja. Wir haben heute immerhin eine florierende nationale Fluglinie, auch wenn wir sie nicht mehr besitzen, und wir haben Infrastrukturen, die zu den besten und sichersten weltweit gehören. Wir haben auch spätere Schwierigkeiten gut gemeistert, zum Beispiel die UBS-Krise von 2008. Nicht zuletzt wohl auch dank den Erfahrungen, die der Bundesrat mit der Swissair gemacht hatte. Damals hatten wir gezögert, auch ich war nicht sicher, ob es richtig war, die Swissair zu unterstützen. Wir entdeckten erst schleppend die «Too big to fail»-Problematik. Aber diese Erfahrungen halfen uns später bei der Bewältigung der UBS-Krise, in der der Bund viel schneller und professioneller reagierte.

 

Dann haben wir also aus dem «Schwarzen Herbst» gelernt?
Eindeutig. Der Kanton Zug hat eine Ombudsstelle geschaffen, um zu verhindern, dass das Bedrohungspotential explodiert, das in unzufriedenen Bürgern schlummert. Wir haben die Sicherheitsstandards in Strassentunneln erhöht und ein völlig neues Konzept für die Sicherheit im Flugverkehr geschaffen. Der Untergang der Swissair hat dazu geführt, dass in vielen Aktiengesellschaften der Verwaltungsrat gegenüber des Managements kritischer auftritt und es besser kontrolliert. Vielleicht noch nicht überall, aber man hat versucht, aus der Erfahrung mit der Swissair zu lernen.

 

Kann eine Krise auch ihre guten Seiten haben?
Sie muss. Wenn wir durch eine Katastrophe in eine Krise geworfen werden, ist es die natürliche Aufgabe, sie zu nutzen, damit nicht nochmals dasselbe geschieht. Wir sollen uns nicht wie Schafe einfach dem Schicksal hinzugeben.

 

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Ist die Schweiz gut darin, Krisen durchzustehen?
Unser Land ist in der Lage, bei Krisensituationen zusammenzustehen, das haben wir 2001 gezeigt. Es bleibt aber nie etwas selbstverständlich, dessen müssen wir uns bewusst sein.

 

Die Welt durchlebt im Moment eine Finanz- und Schuldenkrise. Sehen Sie von ihrer Wirkung auf die Menschen her Parallelen zum damaligen Herbst?
Wir empfinden eine ähnliche Hilflosigkeit gegenüber dem Weltgeschehen wie damals. Wir werden in einen Strudel gezogen, auf den wir keinen Einfluss haben: Auf die Verschuldung anderer Staaten haben wir ja keinen Einfluss. Aber sie führt zu einem stärkeren Schweizer Franken, zu Exportschwierigkeiten und dann zur Forderung, Angestellte müssten zu gleichem Lohn mehr arbeiten. In der direkten Demokratie meinen wir, unser Schicksal selber zu gestalten. Doch plötzlich sind wir fremdbestimmt.

 

Wie sollen wir auf diese Hilflosigkeit reagieren?
Indem wir als Land versuchen – immer im Rahmen unserer Möglichkeiten – auf das Weltgeschehen Einfluss zu nehmen.

 

Und der Arbeitnehmer, der plötzlich länger arbeiten soll?
Wenn die Firma wirklich in Schwierigkeiten ist und alle, auch Management und Eigentümer das Ihre beitragen, gibt es sicher sozialpartnerschaftliche Lösungen. Ich warne einfach vor diesem Wutbürgertum, vor diesem dumpfen Frust, der irgendwo abgelassen wird, sei es an Ausländern, die hier arbeiten, oder an der so genannten Classe Politique. Wichtig für jeden von uns ist zu versuchen, die Welt zu begreifen. Das ist die beste Voraussetzung, die Zusammenhäng zu verstehen und sich dann dort einzubringen, wo man Einfluss nehmen kann. Wir alle tragen Verantwortung für unsere Gesellschaft.