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Karriereplanung?

Interview mit Moritz Leuenberger, Altbundesrat, Autor und Jurist

Moritz Leuenberger hat als Jura-Student derart Gas gegeben, dass er bereits nach vier Semestern abschliessen wollte. Auch als Politiker kam er zügig voran und wurde 1995 in den Bundesrat gewählt. In den Jahren 2001 und 2006 war Leuenberger Bundespräsident. Careerstep hat nachgefragt , welche Werte ihn in seiner Politkarriere weiter gebracht haben...

Interview: Denise Muchenberger

Wollten Sie schon als Kind etwas bewir­ken, war eine Politkarriere absehbar?

Moritz Leuenberger: Als Primarschüler schrieb ich, angesteckt von einer Ausstellung über Pfahlbauer, in ungelenker Schnürlischrift einen Roman mit dem Titel «Die Pfahlbauer am Murtensee». Die Geschichte handelte von einem Wettbewerb, bei dem der Schwächste gewann, weil er schlauer war als der Stärkste. Und von einem Krieg zwischen zwei Pfahlbau­völkern, die sich am Schluss auf einem gro­ssen Holzrost friedlich vereinen. Das war wohl nicht gerade eine Vorahnung der EU oder der UNO, aber das zeigte doch ein gewis­ses Harmoniebedürfnis, dank dem ich als Bundesrat viele Projekte verwirklichen konnte – zwar keine Holzroste, aber doch einige Tunnel.

Sie haben in Zürich Rechtswissenschaften studiert – welche Erinnerungen verbinden Sie mit der Studienzeit?

M. L.: Ich studierte unheimlich schnell, denn ich wollte von zu Hause wegkommen. Nach vier Semestern hatte ich alle Vorlesungen be­sucht, alle Arbeiten abgegeben, durfte aber nicht abschliessen, weil das erst nach sechs Semestern möglich war. Also ging ich in die Studentenpolitik, um die Zeit zu überbrücken.

Warum haben Sie sich ausgerechnet für das Studium der Rechtswissenschaften entschieden. Gab es andere Optionen? M. L.: Schauspieler wäre ich gerne geworden, doch schon nur die Idee provozierte väterli­chen Terror. Vom Elternhaus wurde ich auf ein Theologiestudium vorbereitet, doch ich wollte nicht im Schatten meines Vaters blei­ben. So entschloss ich mich zu einem Studi­um, das mir die grösstmögliche Wahlfreiheit für den späteren Beruf gewährte. Denn ich wusste wirklich nicht, welchen Beruf ich ein­mal wählen will. Juristen kann man ja immer irgendwo brauchen. Was ein Anwalt ist, wuss­te ich jedenfalls damals nicht.

Welche persönlichen Werte haben Ihnen als Politiker gedient und Sie in Ihrer Karri­ere vorangebracht?

M. L.: Die Grundwerte werden uns ja im El­ternhaus und auch in der Schule mitgegeben. Das Elternhaus war zwar christlich, aber nicht sehr religiös, und ich besuchte in Basel eine Schulklasse, die sehr solidarisch war. Man half sich gegenseitig. Als ich lange Zeit im Spital war, tat die Klasse alles, damit ich nicht repe­tieren musste. Noch heute treffen wir uns re­gelmässig. Für Grundwerte wie Freundschaft, Vertrauen, Solidarität sind solche Erfahrun­gen ausschlaggebend.

Sie erhielten einen Preis für die beste poli­tische Rede im deutschsprachigen Raum. Was raten Sie jungen Talenten, die vor Re­feraten mit Nervosität zu kämpfen haben?

M. L.: Ich bin heute noch vor jeder Rede etwas nervös. Das ist auch gut so, sonst leiert man nur unberührt etwas runter. Zu Unsicherhei­ten, die sich vielleicht in Versprechern äu­ssern, soll man stehen, das stört niemanden. Wichtig ist der Inhalt einer Rede. Auf ihn soll man sich konzentrieren – denn er macht die Glaubwürdigkeit aus.

Gab es auch Dinge, die Sie während Ihrer Zeit als Bundesrat versäumt haben, und die Sie jetzt bewusst nachholen?

M. L.: Diese Rechnung geht nie auf. Wer zum Beispiel nicht schon während des Berufes Bü­cher liest, tut es auch nachher nicht.

In Ihrem Buch «Lügen, List und Leiden­schaft. Ein Plädoyer für die Politik» schil­dern Sie Lügen in der Tagespolitik. Wie oft haben Sie gelogen, um in Ihrer Karriere vo­ranzukommen?

M. L.: Das nehme ich nun wirklich für mich in Anspruch, nicht gelogen zu haben – ausser kleine Notlügen gegenüber den Medien, wenn sie sich inhaltlich einmischen wollten. Das fin­de ich legitim und kann es vor dem lieben Gott gut rechtfertigen. Hingegen habe ich manche List angewendet. Das gehört zur Politik.