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«In mir steckt auch ein Kabarettist»

Alt-Bundesrat Moritz Leuenberger lässt seit ein paar Monaten den «Bernhard-Apéro» als Sonntags-Matinee wiederauferstehen. Der Erfolg ist so gross, dass noch keine Ende der Show abzusehen ist.

Mit Moritz Leuenberger
sprach Carmen Roshard

 

Seit November führen Sie den legendären «Bernhard-Apéro» von Hans Gmür und Karl Suter weiter. Plagt Sie noch Lampenfieber?
Ja, klar. Ich bin sehr nervös, jedes Mal. Es wäre auch nicht gut, wenn ich es nicht wäre. In eine Routine will ich nicht verfallen.

Wie haben Sie Emil bei der Premiere erlebt?
Er flösste mir sofort Vertrauen ein, und wir hatten einen sehr lustigen Schlagabtausch. Es war ein schöner Start.

Hatten Sie bereits einen Hänger?
Nach jeder Show sagen mir die Leute, das Lustigste waren die Pannen. Langsam habe ich das Gefühl, die lachen deswegen die ganze Zeit.

Sie sind Anwalt, waren Parlamentarier, Bundesrat und jetzt Moderator. Wo waren Sie sich selber am nächsten?
Wahrscheinlich in der jetzigen Rolle. Ein Anwalt vertritt seinen Mandanten, hat ein bestimmtes Ziel für diesen und ordnet sich dem unter. Ein Bundesrat ist in sehr vielen Zwängen. Er kann nicht immer zur eigenen Persönlichkeit stehen, nicht einmal zur eigenen politischen Meinung. Bei der Bernhard-Matinee kann ich am meisten ich sein.

Bernhard Apero

Als Moderator der Bernhard-Matinees kann Leuenberg er selbst sein. (Foto: Urs Jaudas)

In welcher Funktion konnten Sie am meisten bewirken?
Natürlich als Exekutivpolitiker. Ein Bundesrat ist zwar nicht allmächtig, hat aber grossen Einfluss. Kultur, Unterhaltung, wie ich sie jetzt betreibe, hat sicher auch einen Einfluss. Wie Sitcoms, Serien oder Cabaret, aber natürlich einen indirekten, wie jeder kulturelle Akt ihn haben kann.

Was würden Sie aus heutiger Sicht anders angehen?
Sehr vieles. Aber das ist immer eine Beurteilung aus der heutigen Warte. In der damaligen Situation war ich abhängig von der Umgebung, von sozialen Umständen, von politischen Zwängen. Unser heutiger Rückblick auf die Vergangenheit ermöglicht Erfahrung. So können wir für die Zukunft lernen. Aber in der Vergangenheit hätten wir es dennoch gleich gemacht, denn damals waren die Umstände anders und die Einsicht noch nicht da. Darum sind die rückwirkenden Betrachtungen immer nur theoretischer Natur.

Sind Sie weiser geworden?
Weise ist ein positives Werturteil, und ein solches schreibe ich mir nicht selber zu. Abgeklärt bin ich jedenfalls immer noch nicht. Aber ich habe heute eine andere Optik und sehe vieles anders. Ich thematisiere das auch öffentlich. Wenn ich früher gesagt habe: «Nein, ich habe nie die Unwahrheit gesagt!», und davon überzeugt war, oder: «Ich habe nie das Recht gebrochen», und auch davon überzeugt war, sehe ich jetzt im Rückblick: Halt, es war nicht immer so. Diese neue Optik aus der Distanz ist eine interessante Begegnung mit der Vergangenheit.

Ein Beispiel?
Nach dem sogenannten Zollikermord gingen die Wellen sehr hoch. Ich erliess eine Urlaubssperre für alle Häftlinge mit Gewaltverbrechen. Ich war dazu überhaupt nicht legitimiert. Man hätte das ohne weiteres anfechten können. Formal und inhaltlich entsprach es nicht dem Gesetz. Trotzdem hat es die wahnsinnigen politischen Emotionen gedämpft, und Ruhe ist eingekehrt.

Sie waren als Politiker oft ironisch distanziert und sahen sich ausserhalb des Geschehens. Kann man die Welt nur so ertragen?
Nein. Ich habe mich mit meiner Rolle nicht immer hundertprozentig identifiziert und sie auch nicht immer wahnsinnig ernst genommen. Es ist keine Distanzierung vom Weltgeschehen, gar nicht. Wenn es ernst wurde, bin ich voll in meiner Rolle aufgegangen. Da hat man von mir keine Sprüche, keine Ironie und keine Distanz gespürt. Aber gewisse Sachen habe ich nicht mit dem gleichen tierischen Ernst abhandeln können.

Was wollen Sie mit Ihrer neuen Rolle auslösen?
Ich bin interessiert an meinen Gästen, will mit Ihnen ein Gespräch führen über Dinge, die ich nicht kenne, mich aber interessieren, und hoffe, dass ich auch im Namen des Publikums frage. Es ist kein gesellschaftspolitischer Zweck, den ich da verfolge. Mir ist eine neue Rolle angeboten worden und ich habe zugesagt. Sie spielt neu im Unterhaltungssektor, aber meine politische Haltung kommt wohl immer ein bisschen durch. Ich löchere niemanden und stelle auch keinen blöd hin. Meine Gäste sollen sich wohlfühlen und zum Zug kommen. Das übersehen viele Fragende. Ich will auch nicht provozieren. Es geht in der Matinee nicht um mich, sondern um meine Gäste.

Was zeichnet Sie als Moderator aus?
Mir gegenüber sitzt immer nur einer aufs Mal. Ich muss also nicht den Dompteur spielen, also sehe ich mich eher als Gastgeber denn als Moderator.

Haben Sie ein Vorbild, eher Larry King oder Harald Schmidt?
Ich habe kein Vorbild. Ich bin ich, und wenn ich nicht mehr weiter weiss, weiss ich nicht mehr weiter. Dann lacht das Publikum. Kürzlich haben wir auf das Klavier gewartet, und ich habe gefragt, ob ich etwas helfen könne. Da hat der ganze Saal gerufen: «Neiiin! Niemals!» Weil man offenbar weiss, dass ich nicht so praktisch veranlagt bin.

Steckt in Ihnen ein Kabarettist?
Ja, ich habe vielen politischen Auftritten eine kabarettistische Note verliehen. Ich bin natürlich kein Profi, aber kabarettistische Elemente hatten meine öffentlichen Auftritte oft.

Eine natürliche Rolle für Sie also?
Ja, darum hat man mich wahrscheinlich auch gefragt. Ich habe ja diese Matinee nicht lanciert. Bei den Oltner Kabarett-Tagen habe ich die traditionelle Turmrede gehalten. Das haben bis jetzt immer nur Kabarettisten gemacht.

Dürfen Sie die Gäste selber wählen?
Wir wählen sie im Team aus. Aber es kommt keiner, den ich nicht möchte.Wurden schon die falschen
ausgewählt?Wir zogen auch schon Gäste in Betracht, die von vornherein nicht infrage kommen; wir sind offen. Aber es geht ja auch um eine angenehme Atmosphäre für das Publikum. Wenn zwischen dem Gast und mir Spannungen herrschen würden, käme es nicht gut. Ich bin nicht das Schweizer Fernsehen, das von links bis rechts einen Ausgleich schaffen muss.

Würden Sie Herrn Blocher einladen?
Er schaffte es bis jetzt noch nicht auf die Liste. Es war aber noch nie ein Politiker da, denn ich will ja keine Politshow.

Was ist bei einem Gespräch wichtig?
Dass jemand zum Zug kommt, seine Worte findet. Es ist nicht so leicht, für seine Gedanken die richtigen Worte zu finden. Das ist auch der Grund, dass ich vorher mit den Gästen rede und sie darauf vorbereite, was ich fragen werde. Ich habe ja nicht nur Gesprächsprofis zu Gast. Ich will sie nicht nervös machen. Das Gegenüber soll sich äussern und sagen können, wie es empfindet. Ich sage den Gästen immer, sie könnten den Spiess auch umdrehen und mich etwas fragen. Es soll ein Hin und Her sein, kein einseitiges Ausfragen. Dann kommt es immer gut. Emil hat mich sofort in die Zange genommen, und das Publikum hat sich gekugelt vor Lachen.

«Es soll ein Hin
und Her sein,
kein einseitiges
Ausfragen.
Dann kommt es
immer gut.»

Miss Schweiz Lauriane Sallin war Ihr Gast. Hat sie das Zeug zur Politikerin oder die Gabe, Politikern den Kopf zu verdrehen?
Lauriane Sallin denkt sehr politisch. Sie sagte, sie könne nie in die Politik, weil sie keine Kompromisse machen könne. Das habe ich als junger Politiker auch gesagt. Daher hat sie eine gute Voraussetzung, dass sie dann vielleicht doch einmal in die Politik einsteigt. Aber vorläufig spielt sie jetzt ihre Rolle. Ich habe Sie ausgesucht, ohne sie persönlich zu kennen, weil sie ein bestehendes Rollenbild der Frau verändern will. Von einer Miss Schweiz erwartet niemand, dass sie über Sophokles philosophiert. Das war die Überraschung, und ich fand das gut.

Als «Mann, der nie lächelt» haben Sie neben Sallin eines Ihrer seltenen Lächeln aufgesetzt. Wie hat sie das geschafft?
Sie hat mir keine Cheese-Order gegeben, wie Fotografen das oft tun.

Am Sonntag wird abgestimmt. Können Sie sich trotzdem auf Ihre Gäste konzentrieren?
Ja, natürlich. Ich habe schon längst abgestimmt, und um diese Zeit gibts noch keine Hochrechnungen. Aber ich bin kein solcher Politfanatiker, dass ich nur auf Abstimmungsresultate zittere. Ich will mich ja eigentlich gar nicht in die Politik einmischen. Wenn die Verkehrspolitik jetzt anders ist und man all die Lastwagen aus der EU will, akzeptiere ich das, aber die zweite Gotthardröhre ist verfassungswidrig . . . (schaut betont unschuldig und etwas verschmitzt).

Ihr Wunschresultat?
Bei der Durchsetzungsinitiative hoffe ich auf Ablehnung, beim Gotthard natürlich auch auf ein Nein, will mich aber politisch nicht einmischen. Nur juristisch . . .

Fühlen Sie sich freier, seit Sie nicht mehr Bundesrat sind?
Ich habe sicher mehr Freiheiten als früher. Ich muss nicht mehr alle Zeitungen lesen. Aber ich bin Politiker geblieben, habe immer noch ein politisches Verantwortungsgefühl, gestalte also mein Leben nicht nur nach meinen persönlichen Bedürfnissen. Ich betrachte immer noch jeden Auftritt und jedes Interview danach, ob ich eine politische Botschaft rüberbringen kann, und sage dann entsprechend zu oder ab. Ich bin zwar Politiker, aber von den Rollenzwängen eines Bundesrats befreit.

Noch drei Matinees wie vorgesehen, und dann ist Schluss? Oder gibt es eine Fortsetzung?
Ja, ich glaube schon – das Theater ist ja immer voll.


Bernhard-Matinee
Vom Bundesrat zum Moderator

Moritz Leuenberger (69, SP) ist Rechtsanwalt und war von 1995 bis 2010 Mitglied des Bundesrats, wo er dem Eidgenössischen Departement für Umwelt, Verkehr, Energie und Kommunikation (Uvek) vorstand. 2001 und 2006 amtierte er als Bundespräsident.

Seit November 2015 moderiert Moritz Leuenberger einmal pro Monat die Bernhard-Matinee. In seiner vierten Show begrüsst er den Kabarettisten Michael Elsener, Zoo-
Direktor Alex Rübel und Meteorologe Thomas Bucheli. Musikalisch begleitet die «Tatort»-Kommissarin Delia Mayer und Band. Immer mit dabei sind die Filmkritiker Wolfram Knorr und Alex Oberholzer sowie das Trio Three for the Blues. Nächste Matinees: Bernhard-Theater, Sonntag, 28. Februar und 17. April, jeweils um 11.30 Uhr. (roc)