Navigation ausblenden

Der Suchende

Südkourier, 5. März 2011

Eine kurze E-Mail, eine schnelle Antwort: Die Kontaktaufnahme mit Moritz Leuenberger, mit einem Mann also, der zweimal als Bundespräsident das höchste Staatsamt der Schweiz bekleidet hatte und bis zum Herbst 2010 einer der sieben Schweizer Bundesräte war, verläuft denkbar unkompliziert. Keine Sekretärin, die Genaueres wissen will, kein Büroleiter, der vertrösten muss, nein, Leuenberger beantwortet seine E-Mails selbst.Gäste empfängt er in seinem neuen Büro unweit des Zürcher Bahnhofs, das er mit zwei Designerinnen teilt.

Ganz eingerichtet hat er sein Arbeitszimmer noch nicht. An der Wand lehnen ein paar Fotodrucke und Gemälde. Was er wohin hängt, weiß Leuenberger noch nicht. Auf dem einfachen, langen Schreibtisch steht ein Apple-Bildschirm, auf einer kleinen Anrichte eine Büste Ciceros. „Den nehm ich immer mit“, sagt Leuenberger. Dieser Cicero ist ein Pokal, Leuenberger war damit für die beste politische Rede des Jahres 2002 ausgezeichnet worden.

 

Von 1995 bis Herbst 2010 war Leuenberger Bundesrat. Zuständig für Umwelt, Verkehr, Energie und Kommunikation. Davor war er seit 1979 Nationalrat. Davor Strafverteidiger. Dass er jetzt, mit 64 Jahren, zurückkehren könnte in den einstigen Beruf, das ist für ihn ausgeschlossen. Zu hoch wären die Erwartungen möglicher Mandanten an den Ex-Bundesrat. Dass er im kommenden April nun ausgerechnet bei der Bau-Holding Implenia in den Verwaltungsrat gewählt werden soll, das hat in der Schweizer Öffentlichkeit für Verwunderung gesorgt. „Ich wehre mich etwas gegen die Anspruchshaltung der Öffentlichkeit, ich sei nun ein Rentner“, sagt der Ex-Bundesrat, „ich habe das Alter gar nicht dazu, ich möchte weiterarbeiten.“ Stets habe er von der Wirtschaft verlangt, sich auch um Belange der Nachhaltigkeit zu kümmern. Die Implenia habe nun ein Nachhaltigkeitsprogramm beschlossen und ihn gebeten, dabei zu helfen, „das hat mich gereizt. Ich habe damit natürlich auch andere gereizt“. Man hätte dem Sozialdemokrat Leuenberger eher ein Engagement in der Kultur oder in einem Sozialwerk zugetraut, sagt er.

Leuenberger, dessen größte Vorbilder Helmut Schmidt und Vaclav Havel sind, flocht in seine politischen Reden immer gerne Bezüge zu Kunst, Musik und Literatur ein. Wenn der stets elegant gekleidete Politiker dann gelegentlich als Schöngeist tituliert wurde, hat er sich gewehrt. Für ihn ist die Kunst keine Oase, die den Schöngeist fernab der Welt nährt. Er hat Literatur und Kunst immer im Bezug zu seiner Arbeit gesehen: „Ich mache keinen Unterschied zwischen kultureller Konsumation und politischer Arbeit.“

Dabei ist die Kunst und das Kreative fast ein Markenzeichen der Familie: Ein Bruder ist Maler, ein anderer Fotograf, eine Schwester Violonistin, einer seiner beiden erwachsenen Söhne ist Schauspieler, seine Frau Architektin. Und angesichts seiner Reden, die in drei Büchern herausgegeben wurden und auch im zeitlichen Abstand zum Anlass einer Rede wunderbar zu lesen sind, hätte man den Ex-Bundesrat nun auch bei den Schriftstellern erwarten können. Leuenberger ist vorsichtig: „Das haben alle von mir erwartet. Aber dieser Erwartung wagte ich nicht zu entsprechen.“ Seine Reden seien trotz aller poetischer Anspielungen politische Reden gewesen. „Ob ich deswegen die Begabung hätte, fiktional etwas zu machen – viele ermuntern mich dazu – ich wage es noch nicht so recht.“

So sucht Leuenberger noch seinen Weg. „Ich bin in einer sehr entscheidenden Phase“, sagt er, „ja, da ist jetzt plötzlich Freiheit, aber ich weiß im Moment noch nicht, wie ich diese Freiheit gestalten werde“. An die 30 E-Mails erhält er am Tag. Nach welchen Kriterien er Angebote ablehnen oder annehmen soll, hat er noch nicht entschieden. Reden soll er halten, auf Podien mitreden. Zugesagt hat er eine Rede, die er am 19. April am Zürcher Institut für angewandte Psychologie halten wird. Sein Thema: Führung und Führungskultur. „Ich habe dazu ja gesagt, weil ich noch nie darüber gesprochen habe“, sagt Leuenberger. Er wolle sich auch immer wieder mit einem neuen Thema beschäftigen.

Über eine Stunde nimmt sich Leuenberger Zeit. Dann lächelt er in die Kamera, korrigiert sich dann aber schnell. Er will lieber ernst schauen, sagt er. Dass seine Reden stets wunderbar humorvolle Spitzen enthalten, vermutet man in dem Augenblick gar nicht.